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Radiologie meets Orthopädie und Unfallchirurgie

Fachliche Aspekte nicht unterschätzen und Ausbildung umstrukturieren

Prof. Dr. Klaus Bohndorf, Gastprofessor an der Medizinischen Universität Wien und ausgewiesener Spezialist in der MSK-Radiologie, schätzt neben dem fachlichen Austausch auch die Expertise der vortragenden Kollegen und Kolleginnen. Er lobt die „freundlich inspirierende“ Atmosphäre des Petersberger Symposiums, denn „an der interdisziplinären Arbeit führt kein Weg vorbei.“

Für Bohndorf spielt das Wissen eine große Rolle. „Je mehr ich mich mit einem Thema beschäftige, umso eher kann ich auch alle wesentlichen Fragen des Orthopäden oder Unfallchirurgen beantworten“, ist er überzeugt. Vielfach werden fachliche Aspekte unterschätzt. Für ihn ist dabei das Kreuzband ein gutes Beispiel, denn Diagnostik und Therapie sind  deutlich komplizierter als allgemein angenommen. „Ich habe mich viel  beschäftigt, viel dazugelernt und Respekt vor diesem Thema bekommen.“



Die Darstellung des vorderen Kreuzbandes lässt sich durch eine Winkelung der Schnittebene verbessern: Paraaxiale (1), parakoronare (2) und parasagittale (3) Darstellung.

Erwartungen einzelner Gruppen können laut Bohndorf nicht immer vollständig von der Radiologie erfüllt werden, sind doch Orthopäden auch keine homogene Gruppe. So haben operierende Orthopäden andere Bedürfnisse  als konventionell arbeitende in der Praxis. Insbesondere die Operateure bringen sehr spezielle Fragen mit, weiß der Spezialist. „Die kann man nur beantworten, wenn man sich intensiv fortbildet und beispielsweise ein Symposium wie dieses besucht, bei dem eine Reihe von Fragen der operierenden Orthopäden explizit formuliert werden.“

Eine Crux liegt seiner Meinung nach in der Struktur der radiologischen Ausbildung. „Junge Radiologen können sich nicht ausreichend mit den Schwierigkeiten der Diagnostik auf der einen und mit den Erwartungen und Fragen des Orthopäden auf der anderen Seite auseinandersetzen.“ Bohndorf macht dafür einen Systemfehler verantwortlich. Die Ausbildung von Radiologen erfolgt hauptsächlich an Krankenhäusern, die vielerorts eher weniger Kontakt zu Orthopäden und Unfallchirurgen haben. Vor allem die spezialisiert arbeitenden Kollegen sind entweder ambulant tätig oder an sehr kleine Krankenhäuser gebunden. „Das bedeutet, dass sich die Fragen in der ambulanten radiologischen Diagnostik stellen und beantwortet werden müssen, die Ausbildung aber im Krankenhaus erfolgt.“. Sein Fazit: „Die Ausbildung hat oft keinen Bezug zur Lebenswirklichkeit, zumindest nicht der des ambulant tätigen Radiologen.“

Für Bohndorf ergibt sich daraus als Konsequenz, dass die Form der Ausbildung verändert werden muss. „In Deutschland ist die Ausbildung das „Hobby“ von Krankenhäusern und (wenigen)  Niedergelassenen“, formuliert er provokant. In anderen europäischen Ländern wird diese finanziell vom Staat übernommen und muss nicht vom einzelnen Krankenhaus oder der Praxis gestemmt werden. „Aufgrund des zunehmenden ökonomischen Drucks, läuft die Ausbildung vielfach so nebenher: Die Qualität ist problematisch und auch das Patientengut ist häufig nicht ausreichend.“ Seine Forderungen: Die Ausbildung muss in den ambulanten Bereich ausgedehnt werden, für Krankenhäuser und Praxen müssen zudem Anreize geschaffen werden, damit mehr und besser ausgebildet wird.

Das amerikanische System der Subspezialisierung findet er vorbildlich. In Deutschland herrsche die Ideologie vor, ein Radiologe müsse alles können. Nur die Neuro- und Kinderradiologie bilden Ausnahmen. „ Das Dogma des radiologischen „Alleskönners“ hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Selbst zum Ende der Facharztausbildung, sozusagen dem Höhepunkt seines (theoretischen) Wissens, weiß der angehende Radiologe nur 30 bis 40 Prozent dessen, was gewusst werden könnte oder sollte.“ Umso mehr schätzt er das Engagement nicht nur der jüngeren Kollegen. „Die Leute wissen, dass sie ein Manko haben, deshalb sind die muskuloskelettalen Fortbildungen wie das Petersberger Symposium in diesem Jahr auch so überlaufen.“

Profil: 
Prof. Dr. Klaus Bohndorf ließ sich nach dem Medizinstudium in Würzburg und Kiel zum Facharzt für Radiologie ausbilden. Ab 1987 arbeitete er als leitender Oberarzt in der Klinik für Radiologische Diagnostik der RWTH Aachen, an der er 1988 auch habilitierte. Seit 1992 war er Chefarzt und ab 1994 Geschäftsführender Direktor der Klinik für Diagnostische Radiologie und Neuroradiologie am Klinikum Augsburg. Seit 2013 ist Bohndorf Gastprofessor an der Medizinischen Universität Wien. Er ist zudem Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte und stand als Präsident bereits mehreren Fachgesellschaften und Jahrestagungen vor. 2014 war er Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Muskuloskelettale Radiologie e. V. (DGMSR).

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