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Auf den Weg gebracht: Das neue Strahlenschutzgesetz

Am 3. Juli 2017 ist das neue Strahlenschutzgesetz in Kraft getreten. Bis das Regelwerk vollständig umgesetzt und im Alltag von Radiologen in Klinik und Praxis angekommen ist, wird noch einige Zeit ins Land gehen. Professor Martin Fiebich von der technischen Hochschule Mittelhessen, Fachbereich Life Science Engineering, erläutert das weitere Prozedere sowie die Auswirkungen des Gesetzes auf die bildgebende Medizintechnik.

Copyright: Bundesamt für Gesundheit, Bern 2017, unter Verwendung von: F. Meyer, Infografik aus dem Forschungsprojekt „Fünfkilometerzone“, an der Hochschule der Künste Bern 2012

Langwieriges Verfahren
Auf Basis der EURATOM-Richtlinien wurden in dem Gesetz erstmals alle Bereiche des Schutzes vor ionisierender Strahlung systematisch zusammengefasst und dem neuesten wissenschaftlichen Wissensstand angepasst. Mit Ausnahme der Notfallregelungen müssen alle anderen Bereiche, also auch die medizinisch relevanten Verordnungen, bis zum Stichtag am 31. Dezember 2018 umgesetzt sein. Bis dahin bleibt noch eine Menge zu tun: Für die 35 Verordnungsermächtigungen des Gesetzes fehlen Detailausführungen und finalisierte Umsetzungskonzepte. Auch das untergesetzliche Regelwerk muss noch erarbeitet werden. Schlussendlich wird das Gesamtpaket noch den Bundestag passieren müssen. „Angesichts dieses Pensums werden sich alle Beteiligten ranhalten müssen, um den Stichtag nicht zu reißen“, vermutet Fiebich.

Deutlicher Handlungsbedarf, längere Fristen
Einige Forderungen des neuen Gesetzes sind mit Umstrukturierungen auf Seiten der Anwender verbunden. Das gilt beispielsweise für die Umsetzung des Meldesystems für unfallbedingte oder unbeabsichtigte medizinische Exposition. Wenn auch nicht explizit vom Gesetz gefordert, so empfiehlt sich bei größeren Abteilungen die Installation eines Dosismanagementsystems. Fiebich fürchtet Lieferengpässe: „Bei einem geschätzten Beschaffungsumfang von ca. 2.000 Systemen dieser Art ist dies fast unvermeidbar. Mehr als 50 bis 100 Stück pro Jahr können von den jeweiligen Anbietern voraussichtlich nicht zur Verfügung gestellt werden.“ Die Anpassung und Installation vor Ort sind weitere „Zeitfresser“. Fiebich: „Voraussichtlich wird es weitere Übergangsfristen geben, damit die betroffenen Einrichtungen eine realistische Chance haben, den Anforderungen nachzukommen.“

Erklärtes Ziel: Dosisoptimierung
„Die Anschaffung eines Dosismanagementsystems zur Optimierung der Strahlenexposition – wie vom Gesetz gefordert – ist eine sinnvolle Sache“, so Fiebich. Im Sinne eines verbesserten Qualitätsmanagements kann radiologische Strahlung erfasst, dokumentiert und systematisch ausgewertet werden. Denn: Je geringer die Strahlenbelastung, bei gleichen diagnostischen Ergebnissen, desto besser ist das für den Patienten. Zwar ist das Prinzip der Dosisoptimierung schon lange vorgeschrieben, es wurde aber nur begrenzt umgesetzt. Im Fokus standen bislang die diagnostischen Referenzwerte, die als zulässige Obergrenze fungierten.

Medizinphysiker sind Pflicht
„Die bisher nur zögerliche Umsetzung der Dosisoptimierung kommt allerdings nicht von ungefähr“, führt Fiebich weiter aus. Es handelt sich um eine sehr zeitaufwändige Aufgabe, die vom Arzt kaum nebenher bewerkstelligt werden kann. Um dem Rechnung zu tragen, wurde im Strahlenschutzgesetz der Medizinphysikexperte für die Röntgendiagnostik verpflichtend vorgesehen – für den niedergelassenen Bereich ebenso wie in der Klinik. Laut Angaben der Arbeitsgemeinschaft „Physik und Technik“ der Deutschen Röntgengesellschaft heißt das konkret: Für die Optimierung der Strahlendosis bei einem Computertomographen müssen 0,06 Vollzeitäquivalentstellen vorgehalten werden. Ausgehend von ca. 200 Arbeitstagen pro Jahr sind das ca. 2-3 Wochen. 0,08 Vollzeitäquivalentstellen sind für den interventionell-radiologischen Arbeitsplatz einzuplanen. Das Problem an der Sache: Es gibt zurzeit nicht genug Medizinphysiker, die gemäß der Röntgenverordnung ausgebildet wurden. Es müssen also zunächst Ausbildungskonzepte erstellt und umgesetzt werden. „Zum Glück haben wir viele gute Masterstudiengänge in Deutschland, so dass sich das Problem mit der Zeit von selbst erledigt“, meint der Experte.

Neue Forderungen an die Radiologie
Grundsätzlich sind die EURATOM-Richtlinien und das Strahlenschutzgesetz hinsichtlich der Anforderungen identisch – bis auf wenige Ausnahmen. So gibt es im Gesetz zusätzlich einen neuen Grenzwert für die Augenlinsendosis für beruflich strahlenexponierte Personen. Außerdem wird die Strahlenschutzbrille an interventionellen Arbeitsplätzen ebenso vorgeschrieben wie die Verwendung der Bleiglasscheibe, um die Grenzwerte einhalten zu können. Erstmals regelt das neue Gesetz zudem den Einsatz von ionisierender Strahlung zur Früherkennung von Krankheiten (Screening), zum Beispiel von Lungenkrebs. Voraussetzung ist, dass der Nutzen das Risiko der eingesetzten Strahlung überwiegt. Bislang war der Einsatz von Röntgenstrahlung nur für die Früherkennung von Brustkrebs erlaubt.

Heiß diskutiert: Fristenregelung
Nach langem Hin und Her wurde die Frist zur Anzeige der Inbetriebnahme neuer radiologischer Systeme und Einrichtungen verlängert: waren es früher zwei, so sind es jetzt vier Wochen. Initiator für diese Neuerung waren die Behördenvertreter. Aufgrund von personellen Engpässen konnte man bisher offenbar nicht jeder Anzeigenüberprüfung fristgerecht nachkommen. Die neue Frist kann im schlimmsten Fall einen Stillstand des Betriebes für vier Wochen bedeuten – das entspricht einem finanziellen Schaden von ca. 20.000 EUR. „Ich rate daher jedem Betreiber, seinen radiologischen Betrieb immer vier Wochen vor der geplanten Inbetriebnahme anzuzeigen, selbst wenn noch nicht alle Unterlagen vollständig vorliegen.“ Damit ist das bürokratische Prozedere zumindest angestoßen, Fehlendes kann dann nachgereicht werden. Fiebich hofft sehr, dass die Umsetzung der Fristverlängerung in der Praxis kein wirkliches Problem darstellen wird.

CV

Prof. Dr. Martin Fiebich schloss 1994 sein Physik-Studium in Münster mit der Promotion ab. Im Jahr 2000 bekam er den Ruf an die Technische Hochschule Mittelhessen als Professor für Bildgebende Verfahren in der Medizin. Seit 2005 arbeitet er im DIN Normenausschuss Radiologie (NAR) und beim IEC mit. Seit 2010 ist er Obmann des Arbeitsausschusses Bildgebende Verfahren des NAR im DIN und seit 2011 Mitglied im Arbeitsausschuss A4 Strahlenschutztechnik der Strahlenschutzkommission. 2013 wurde Fiebich Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Physik.

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