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Corona und was danach kommt

Die Corona-Pandemie hat in kürzester Zeit Abläufe in Kliniken und Praxen gründlich auf den Kopf gestellt und auch in der Radiologie deutliche Spuren hinterlassen. Das Virus wird das Gesundheitswesen weit über die aktuelle Situation hinaus prägen, zeigt sich Dr. Stefan Neumann, Radiologe in der Gemeinschaftspraxis Radiologie am St. Joseph Stift in Bremen, überzeugt. Im Gespräch blickt er auf aktuelle und künftige Herausforderungen für niedergelassene Radiologen.

Nachdem das Virus nach seiner Entdeckung in Wuhan in Deutschland zunächst kaum beachtet wurde, ging auf einmal alles sehr schnell, erinnert sich der Radiologe: „Im März waren unsere Praxen plötzlich leer, weil viele Menschen Bedenken hatten, ein Krankenhaus oder eine Praxis zu konsultieren. In dieser Anfangsphase kamen fast nur noch Patienten mit schweren Krankheiten zu uns.“ Der Umgang mit der noch unbekannten Erkrankung sorgte an vielen Stellen für Unsicherheit. Verglichen mit anderen Problemen, gestaltete sich die eigentliche Diagnostik von Covid-19 für die Radiologen vergleichsweise unkompliziert: „Jeder, der etwas mehr Erfahrung mit CT-Bildern hat und die zeitnahen Fortbildungen absolvierte, erkennt die charakteristischen Spuren von Corona in der Lunge“, erklärt Neumann.

Mit neuen Konzepten der Pandemie begegnen

Schnell hatten sich die Bremer Radiologen auf die neuen Gegebenheiten eingestellt und eine Lösung entwickelt, die sich die geringe Fläche des Stadtstaates zunutze macht: Bereits ab dem 23. März 2020 stand ein Einsatzplan für radiologische Praxen in Bremen, in dem Zeitslots für Covid-19-Patienten und solche mit Verdacht auf eine Infektion vergeben wurden. „Um die Hygienebestimmungen bestmöglich einzuhalten, haben wir diese Termine an den ‚Rand‘ der Praxiszeiten gelegt. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht – auch wenn sich die Herangehensweise vermutlich nicht ohne Weiteres auf ein Flächenland wie Niedersachsen übertragen lässt.“ Mit weiteren Anpassungen der Abläufe – unter anderem durch Reduktion der Bildgebungsslots pro Scanner und größere Abstände in den Wartezimmern – konnte nach kurzer Zeit eine ‚neue Normalität‘ in vielen Praxen einkehren.

Dass kaum noch Patienten kamen, hatte nicht zuletzt finanzielle Auswirkungen auf viele Praxen. Mit einem ‚Rettungsschirm‘, der 90 Prozent der zu erwartenden Gesamtvergütung im kassenärztlichen Bereich abdeckte, war es die KV, die den Löwenanteil der wirtschaftlichen Ausfälle kompensierte. „Das war eine schnelle und sinnvolle politische Entscheidung, um die Gesundheitsstrukturen aufrechtzuerhalten“, so Neumann anerkennend. „Allerdings betrifft das nur einen Teil der Einbußen, denn die Leistungen für Privatpatienten fielen ebenfalls weg. Hier war ein deutlicher Einbruch zu verzeichnen. Finanziell am schmerzhaftesten war allerdings, bedingt durch den Lockdown, der Ausfall radiologischer Leistungen für Krankenhäuser.“ Hier hätten die Ausgleichszahlungen der Bundesregierung an die Kliniken einen bitteren Beigeschmack, da diese nicht regelhaft an die niedergelassenen Kooperationspartner weitergegeben wurden.

Bedarfsexplosion führte zu Improvisation

Neben vielen Neuerungen hat die Pandemie auch dazu beigetragen, bestehende Stärken und Schwächen aufzuzeigen, erläutert Neumann: „Zu den Schwachstellen in vielen Kliniken und Praxen zählte sicherlich die nicht ausreichende Versorgung mit Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln. In den ersten Wochen war es sehr schwierig, an das benötigte Material zu gelangen, so dass wir zum Teil sogar auf den privaten Markt ausweichen mussten.“ Auch die behelfsmäßige Aufbereitung von Masken, die eigentlich für den einmaligen Gebrauch bestimmt sind oder die Akquise von Desinfektionsmitteln aus medizinfremden Branchen waren zwischenzeitlich ein Muss, um den enorm gestiegenen Bedarf abzudecken. „Aus dieser Schwachstelle sollten wir unsere Lehren ziehen und entsprechende Materialien in ausreichender Menge vorhalten, damit wir im Ernstfall besser vorbereitet sind“, resümiert der Radiologe.

Verschärfter Personalengpass

Trotz der besonderen Umstände gelang es dem Team der Gemeinschaftspraxis Radiologie am St. Joseph Stift, Covid-19-Fälle innerhalb der Belegschaft zu vermeiden. „Das war bei der exponierten Lage durch Patientenkontakte nicht selbstverständlich“, so Neumann. Personalmangel aufgrund der Pandemie sei dennoch eine besondere Herausforderung, berichtet Neumann: Zwar erkrankte bislang keiner aus dem Team selbst, im Rahmen der Kontaktnachverfolgung mussten sich dennoch einige Mitarbeiter vorsichtshalber in häusliche Quarantäne begeben. Gerade in Bereichen mit notorisch dünner Personaldecke, wie bei den MTRAs, wird es dadurch kritisch, so der Radiologe: „Es gibt nach wie vor viel zu wenig Nachwuchs. Wir hatten gehofft, den Beruf der MTRA durch die Ausbildungsvergütung attraktiver zu machen – aber diese Rechnung ist nicht aufgegangen.“ Das sei zwar kein Corona-spezifisches Problem, zeige sich in der Pandemie jedoch besonders deutlich. Neumann sieht hier die Verbände in der Pflicht, stärker die Werbetrommel für diesen nicht nur interessanten und vielseitigen, sondern mittlerweile auch gut bezahlten Beruf zu rühren.

Welche Spuren wird Corona im Gesundheitswesen hinterlassen?

Auch nachdem die Pandemie überstanden ist, wird Covid-19 bleibende Spuren in den Abläufen von Praxen und Kliniken haben, ist Neumann überzeugt: „Das betrifft vor allem unsere Vorstellungen von Hygiene und Abstand, die sich sicherlich in künftigen Regelungen widerspiegeln werden.“

Soziale Interaktionen wie das Händeschütteln zur Begrüßung werden überdacht oder fallen ganz weg, und auch die Zunahme von Bürokratie könnte zu den Corona-Überbleibseln zählen, befürchtet der Radiologe: „Womöglich müssen wir uns künftig an mehr Bescheinigungen, Einwilligungen und ähnliche Zusatz-Formalitäten gewöhnen. Auch hier ist Gegenwehr unserer Verbände und jedes einzelnen Arztes gefordert.“

Die angepassten Abläufe verschafften einigen Technologien einen merklichen Schub. Der verbreiteten Hoffnung, dass die Pandemie als Katalysator für KI-gestützte Befundsysteme dienen könnte, mag sich der Experte jedoch nicht anschließen. „Die Möglichkeiten sind beeindruckend, doch sehen wir bislang eher computergestützte Assistenzsysteme als echte KI. Bis die KI in der Fläche angekommen ist, wird es sicherlich noch eine Weile dauern. Hier kann sich Deutschland einiges bei anderen Ländern wie zum Beispiel China abschauen, die die Integration von KI in klinische Abläufe deutlich beherzter vorantreiben.“ Neben technischen Hürden seien noch wesentliche Fragen zur Ethik und der Rechtslage unbeantwortet, so dass die – durchaus erhoffte und zum Teil dringend benötigte – Hilfe per KI wohl noch einige Zeit auf sich warten lässt, so Neumann abschließend.

Profil:

Dr. Stefan Neumann ist Radiologe in der Gemeinschaftspraxis Radiologie am St. Joseph Stift in Bremen. Nach Abschluss seines Medizinstudiums in Magdeburg und Weiterbildungen in den Bereichen Pathologie und Kinderheilkunde war er zunächst in einer radiologischen Klinik tätig, bevor er sich 1998 in die Niederlassung begab. Mit dem klinischen Umfeld verbindet ihn nach wie vor eine Kooperation mit dem Roten Kreuz Krankenhaus (RKK) Bremen. Dr. Neumann ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) und als kooptiertes Vorstandsmitglied im Berufsverband der Deutschen Radiologen (BDR) in Bremen/Bremerhaven aktiv.

 

 

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