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COVID-19: Ein (nicht nur) radiologischer Lernprozess

Die Lunge im Blick: In der vergangenen Ausgabe von VISIONupdate berichtete Prof. Dr. Hans-Ulrich Kauczor, welche Rolle die CT-Bildgebung bei COVID-19-Patienten spielt. Mit Fortschreiten der Pandemie wächst auch der diagnostische Erfahrungsschatz der Radiologen. Nun zieht der Ärztliche Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Heidelberg Zwischenbilanz – und bringt wertvolle neue Erkenntnisse ein, die er und seine Kollegen im ersten Dreivierteljahr mit Corona gewonnen haben.

Als die erste COVID-Welle durch Deutschland wogte und Patienten mit unterschiedlichster Symptomatik in Kliniken und Praxen spülte, gab es kaum gesicherte Erkenntnisse über die Erkrankung. Folglich wurden bei Diagnose und Therapie je nach Standort ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen. „Wir haben seitdem viel gelernt“, bringt Kauczor die vergangenen Monate auf den Punkt.

Diagnostischer Staffelstab wird an Schnelltests weitergereicht

Corona-Forschung unter Hochdruck hat in kürzester Zeit den Labor-Testverfahren sowohl in Sachen quantitativer Verfügbarkeit als auch qualitativ zu enormen Fortschritten verholfen. Kauczor zeigt sich zuversichtlich: „Ich bin überzeugt, dass auch die viel diskutierten Schnelltests kommen werden, die innerhalb von 30 Minuten ein Ergebnis liefern. Das wird uns in vielerlei Hinsicht helfen – unter anderem wird es den Einsatz der CT-Bildgebung ersetzen, wenn es um zeitkritische Diagnostik geht.“ Denn bislang ist die Computertomographie immer noch deutlich schneller als ein PCR-Test, um Informationen über den Krankheitszustand eines Patienten zu erhalten.

Obsolet würde die Bildgebung allerdings auch durch Schnelltests nicht: „Bei stationären Patienten ist es sinnvoll, bei der Aufnahme eine CT als Baseline anzufertigen“, so der Radiologe. Auch in der ergänzenden Abklärung sieht er weiterhin eine wichtige Rolle der Modalität – etwa bei Patienten mit COVID-typischer Symptomatik, aber negativem Labortest.

Von vermeintlichem Vorwissen verabschieden

In den vergangenen Monaten konnten Radiologen wertvolle Erkenntnisse über den Verlauf und Spätfolgen von COVID-19-Erkrankungen gewinnen: „Bei vielen Patienten mit schweren Verläufen konnten wir mehrere Wochen nach der Genesung noch Residuen im CT erkennen. Das ist allerdings nicht ungewöhnlich nach schweren Erkrankungen der Lunge. Wie lange diese Veränderungen bestehen und welche Auswirkungen sie haben, ist noch nicht abschließend geklärt; das müssen wir weiterhin im Blick behalten.“

Ohnehin wird es noch einige Zeit dauern, die Mechanismen und Prozesse von COVID-19 zu durchschauen, so Kauczor: „Bei einigen Patienten regenerierte sich die Lunge nach einem schweren Verlauf erstaunlich gut, bei anderen verlief der Abheilungsprozess dagegen unerwartet schwierig. Im Vergleich zu einigen anderen Pneumonien – wie Tuberkulose - , die ja auch Narben und andere Spuren in Lunge und Pleura hinterlassen, scheinen die Nachwirkungen bei COVID allerdings insgesamt weniger ausgeprägt zu sein.“

Ein Umdenken gab es auch bei der zunächst sicher geglaubten Korrelation zwischen dem Alter der Patienten und der Schwere des Krankheitsverlaufs, denn inzwischen nimmt die Zahl der unter 50-Jährigen zu, die schwer an COVID-19 erkranken.

Zu Beginn der Pandemie war zudem die Beatmung schwer Erkrankter ein kontrovers diskutiertes Thema; viele Komplikationen wurden auf ein zu aggressives Beatmungsmanagement zurückgeführt. Auch hier habe ein Lernprozess stattgefunden, so der Radiologe: „Die extrakorporaler Oxygenierung (ECMO) wurde eingangs als letztes Mittel angesehen, mittlerweile haben wir erkannt, dass der frühzeitige Einsatz der ECMO zu besseren Outcomes zu führen scheint.“    

Aufgeschobene Klinikbesuche haben jetzt ein Nachspiel

Aus Angst, eine Corona-Infektion in einer Klinik einzufangen, verschoben viele Patienten ihre geplanten Eingriffe – hier zeichnen sich allmählich die Konsequenzen ab, berichtet Kauczor: „Das betrifft vor allem langsam voranschreitende Erkrankungen, etwa in der Neurologie oder bestimmte Tumorarten. Hier sind zum Teil wichtige Zeitfenster verstrichen, so dass die Prognose mittlerweile ungünstiger ist, als sie es noch vor einigen Monaten gewesen wäre.“ Im Vergleich zu anderen Ländern sei Deutschland hier jedoch glimpflich davongekommen, nicht zuletzt, da ein ‚echter‘ Lockdown ausgeblieben ist. „Andere Länder waren in dieser Hinsicht deutlich restriktiver – und das schlägt sich auch in der Gesamtgesundheit der Bevölkerung nieder.“

Eine zentrale Herausforderung besteht jetzt darin, ein gutes Gleichgewicht zwischen Vorsicht und medizinischer Verfügbarkeit zu finden: „Wir müssen einerseits die Praxen und Ambulanzen offen halten, damit COVID-Patienten adäquat betreut werden. Andererseits müssen wir sicherstellen, dass wir in der zweiten Welle effektiv reagieren können.“ Dazu zählt der Experte insbesondere das Vorhalten ausreichender Kapazitäten zur Intensivversorgung. „Kurzfristige Zu- und Abnahmen der Fallzahlen haben dabei nur bedingte Aussagekraft. Wir sollten nicht vergessen, dass Patienten bei schweren Verläufen 2-4 Wochen intensivmedizinisch versorgt werden müssen – wenn in zu kurzer Zeit zu viele Neuerkrankungen hinzukommen, wird schnell die Zahl der verfügbaren Plätze überschritten. Das sollten wir ernst nehmen.“

Profil:

Prof. Dr. Hans-Ulrich Kauczor ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Nach Abschluss seines Medizinstudiums in Bonn und Heidelberg arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Radiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), die er viele Jahre später – von 2003 bis 2007 – leiten sollte. An der Kölner Universität erwarb er seinen Doktor und habilitierte sich an der Universität Mainz. Seit 2003 ist er Professor für Diagnostische Radiologie an der Universität Heidelberg, an der er 2008 die Ärztliche Direktion der Radiologischen Klinik übernahm. Für seine radiologischen Forschungen wurde er im Jahr 2000 mit dem Holthusen-Ring der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) ausgezeichnet.

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