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Die neue Gesetzgebung zum Strahlenschutz

Zum Jahreswechsel (31. Dezember 2018) tritt eine neue Überarbeitung des Strahlenschutzgesetzes (StrlSchG) in Kraft. Das bringt auch für Radiologen einige Veränderungen mit sich. Maik Fuhrmann, Medizinphysikexperte bei be consult, berät Radiologen zum Strahlenschutzkonzept. Im Folgenden spricht er darüber, was sich durch die neue Gesetzgebung verändert – und warum es sich für Kliniken und Praxen lohnt, auch an anderen Stellen die eingespielten Abläufe zu hinterfragen.

Zunächst erweitert das neue Gesetz den Einsatz von Standard Operating Procedures (SOP), also der Beschreibung der Prozesse bei den einzelnen durchgeführten Untersuchungen. Diese waren bislang nur für relevante oder häufige Prozeduren vorgesehen; jetzt muss für jede Untersuchung eine SOP vorliegen. „Das ist durchaus sinnvoll, denn gerade bei selten durchgeführten Untersuchungen fehlt oft die Routine, und es passieren häufiger Fehler“, merkt Fuhrmann an. Auch der Medizinphysikexperte (MPE) bekommt mit der neuen Gesetzgebung zusätzliche Aufgaben: In der Strahlentherapie und der Nuklearmedizin war schon bisher entweder eine Beauftragungs- oder Beratungsfunktion vorgeschrieben, diese wird nun um eine notwendige Hinzuziehung bei der Computertomographie (CT) und Interventionen erweitert. Radiologische Praxen, die zuvor nicht nuklearmedizinisch oder strahlentherapeutisch tätig waren, müssen sich damit zum ersten Mal mit einem MPE über Strategien zur Dosisminimierung beraten. „Das Gesetz verlangt, dass MPE beratend hinzugezogen werden, wenn etwa ein neues CT-Gerät angeschafft wird.“ Das bedeutet nicht nur, dass der Strahlenschutzverantwortliche einer Praxis – in der Regel ist das der Inhaber – verpflichtet ist, sich von einem MPE beraten zu lassen, er muss die Beratung auf Nachfrage auch der Aufsichtsbehörde nachweisen. Die Konsultationspflicht gilt für CT-Neuanschaffungen ab dem 1. Januar 2019. „Praxen und Kliniken, die sich ab diesem Datum neue CT- oder Interventions-Anlagen anschaffen wollen, müssen im Zuge des Anzeigeverfahrens einen beratenden MPE nachweisen“, erklärt Fuhrmann. Bestandsgeräte haben eine Übergangsfrist bis zum 31. Dezember 2022. Da ab 1. Januar 2019 der MPE verantwortlich für die Dosis bei allen radiologischen Untersuchungen ist, wird dies zukünftig zu einer engen Zusammenarbeit zwischen dem Strahlenschutzverantwortlichen und dem MPE führen.

Besondere Vorkommnisse - oder zumindest nahe dran

Neben den MPE ist auch der Umgang mit sogenannten Dosisvorkommnissen (auch als Dosisereignisse bezeichnet) eine Neuerung des Strahlenschutzgesetzes. „Als Dosisvorkommnisse werden Überschreitungen diagnostischer Referenzwerte bezeichnet, die das Bundesamt für Strahlenschutz festlegt“, sagt der Experte. Bei einer Überschreitung des Referenzwerts um 200% muss zukünftig für die letzten 20 gleichartigen Untersuchungen geprüft werden, ob eine oder mehrere davon eine Überschreitung des Referenzwerts um 100% erreicht haben. Ist dies der Fall muss künftig die zuständige Behörde informiert werden, gleiches gilt der unabsichtlichen Bestrahlung von Patienten aufgrund einer Verwechslung. Besonders knifflig ist die im neuen Gesetz festgeschriebene Meldung von sogenannten Beinahe-Vorkommnissen: „Wie das praktisch zu handhaben ist, ist bislang nicht ganz klar“, räumt Fuhrmann ein. „Man muss sich in jedem Fall über die Routineabläufe in der Praxis Gedanken machen und überlegen, welche Abweichungen vorkommen und wie diese überwacht werden können.“ Entsprechende Leitfäden gibt es derzeit noch nicht, daher muss sich aktuell jede Praxis und Klinik selbst erarbeiten, wie sie die neuen gesetzlichen Anforderungen handhabt.

Dosismanagement: An Software führt kaum ein Weg vorbei

Das Jahr 2019 stellt für die Strahlenschutz-Gesetzgebung eine Art Übergangszeit dar, denn zum Jahresbeginn treten zwar das neue Strahlenschutzgesetz und die Strahlenschutzverordnung in Kraft, die zugehörige Neufassung der Richtlinie Strahlenschutz in der Medizin folgt später im Jahr. „In einigen Punkten wissen wir daher nicht genau, nach welcher Vorgabe gehandelt werden muss – beispielsweise bei der Abwicklung von Meldeverfahren.“ Aus Sicht des Experten ist die wichtigste Baustelle, um die sich Radiologen kümmern sollten, das Dosismanagement: „Alle Beteiligten, die das neue Strahlenschutzgesetz entwickelt haben, kommunizieren zwar, dass die Anschaffung neuer Dosismanagement-Software nicht nötig ist. Das ist zwar grundsätzlich richtig, aber nicht wirklich praktikabel.“ Fuhrmann empfiehlt daher, sich mit Software zum Dosismanagement auseinanderzusetzen und insbesondere die Features zur Identifikation meldepflichtiger Ereignisse zu prüfen. Auch die Dokumentationsfunktion ist wichtig, denn bei vielen Ereignissen lässt sich erst im Nachhinein sagen, ob eine Meldepflicht besteht. Fuhrmann: „Das bedeutet aus unserer Sicht, dass wir alle Dosisereignisse erfassen müssen, um sie dann bewerten zu können. Das lässt sich zwar auch händisch erledigen, ist aber gerade bei größeren Einrichtungen sehr schnell sehr viel Arbeit.“

Die Zeit der Passivität ist vorbei

In vielen Praxen und Kliniken wird die Strahlendosis bislang nach dem Prinzip der passiven Dokumentation überwacht. Dabei werden die verwendeten Dosiswerte in den Patientenunterlagen hinterlegt und nur auf Anfrage dokumentiert und kommuniziert. „Das ist mit der neuen Strahlenschutzverordnung nicht mehr möglich“, warnt Fuhrmann. Mit der gesetzlichen Verpflichtung zur Kommentierung und Meldung von Referenzwertüberschreitungen, Beinahe-Ereignissen und Doppeluntersuchungen ist ein aktives Dosismanagement und damit eine regelmäßig stattfindende intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Untersuchungsprozessen und Standards in jeder Einrichtung notwendig. Auch hier kann der MPE unterstützen. Der Experte begrüßt die neue Verordnung als zusätzlichen Anreiz für Radiologen, den eigenen Umgang mit Strahlendosen kritisch zu hinterfragen. „Die meisten gehen schon jetzt sehr verantwortungsvoll damit um, wann sie ihre Patienten welcher Strahlung aussetzen.“ Referenzwerte werden in den meisten Fällen bei übergewichtigen Patienten überschritten, bei denen mit der regulären Strahlendosis kein brauchbares Bild zu erstellen ist. „In einem solchen Fall lässt sich die Dosisüberschreitung plausibel begründen.“ In vielen Einrichtungen werden darüber hinaus Algorithmen zur Dosisminimierung eingesetzt, zum Beispiel die iterative Bildrekonstruktion.

Profil

Maik Fuhrmann ist Gesundheitsökonom, Medizinphysikexperte und Praxisberater bei b.e. consult. Nach seiner Ausbildung zum staatlich geprüften Umwelttechnischen Assistenten absolvierte er in Karlsruhe seine Ausbildung zum Dipl. Ing. für Strahlenschutz. Seit 1998 ist Fuhrmann als Strahlenschutz- und Praxisberater in verschiedenen radiologischen Einrichtungen tätig.

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