Zum Hauptinhalt springen

Die Tücken der HNO-Diagnostik – was muss der Allgemeinradiologe beachten?

Die HNO-Diagnostik ist das eher ungeliebte Kind der Radiologen, muss Prof. Dr. Martin Mack, Facharzt für diagnostische Radiologie mit Schwerpunkt HNO- und muskuloskelettale Radiologie in der Praxis „Radiologie München“ zugeben. Er selbst hat sich auf diesen Bereich spezialisiert, versteht allerdings auch die Gründe für diese Zurückhaltung: „Sehr viele Fragestellungen sind in einer äußerst kleinen und komplexen Region untergebracht und man braucht zudem ein ausgeprägtes Anatomie-Wissen, weshalb sich nur wenige Radiologen für diesen Bereich begeistern können“, berichtet der Experte. Umso wichtiger ist es, dass Allgemeinradiologen genau wissen, worauf es ankommt, und sich im Zweifel Unterstützung von erfahrenen Kollegen holen.

Größte Gruppe: Nasennebenhöhlen

Zur HNO-Diagnostik gehören nicht nur der Hals, die Nase und die Ohren, sondern auch die Speicheldrüsen, die Mundhöhle, die Nasennebenhöhlen, die Schilddrüse und sogar die Kiefergelenke. Ebenso zählt die Schädelbasis dazu, die nicht etwa nur von den Neuroradiologen befundet wird. Allgemeinradiologen werden in gleichem Maße, wenn nicht sogar noch mehr, mit Tumoren der Hirnnerven, Glomustumoren, Entzündungen oder Gefäßanomalien konfrontiert. Das Gros an HNO-Erkrankungen in der Allgemeinradiologie spielt sich allerdings in den Nasennebenhöhlen ab. Zur Diagnostik kommt hier am häufigsten die Computertomographie (CT) zum Einsatz, um den Ursachen für die dauerhaft verstopfte Nase der Patienten auf den Grund zu gehen. Die strahlungsfreie Magnetresonanztomographie (MRT) wird hingegen manchmal bei Kindern durchgeführt. „Obwohl die Strahlenbelastung auch bei einer CT in einem so kleinen Bereich wie den Nasennebenhöhlen eher zu vernachlässigen ist“, sagt Prof. Mack.
 

CT der Nasennebenhöhlen: Chronische Sinusitis maxillaris links mit Schleimhautschwellung und vermehrter Sklerosierung der ossären Begrenzungen
 

Probleme mit den Ohren

Die zweite große Gruppe, die bei Allgemeinradiologen vorstellig wird, ist die der schlecht hörenden Patienten und solcher mit Schmerzen und Entzündungen im Ohr. Liegt eine Schallleitungsschwerhörigkeit vor, ist die Durchführung einer CT angezeigt. Bei Schallempfindungsschwerhörigkeit ist wiederum die MRT das Mittel der Wahl. Geht es um die Frage, ob ein Hörgerät ausreicht oder aber ein Cochlea-Implantat eingesetzt werden muss, kommen beide Verfahren zum Einsatz. Dann es gilt zu klären, ob Hörnerv und Knochen geschädigt oder Verkalkungen vorhanden sind. „Bei einer Entzündung hingegen muss zunächst abgeklärt werden, ob bereits Komplikationen eingetreten sind“, erklärt der Radiologe. Die beiden häufigsten Komplikationen sind das Cholesteatom, das auch nach seiner operativen Entfernung aufgrund entzündlicher Prozesse zur Rezidivbildung neigt, und die Tympanosklerose, die zu einer Verschlechterung der Schallleitung führt. „Letztendlich gibt es unzählige unterschiedliche gutartige und bösartige Erkrankungen, die zu Schmerzen führen können“, so der Radiologe.
 

CT des Felsenbeins: Gewebsvermehrung im Tympanon rechts und im Mastoid links
 

MRT mit Diffusionsgewichteter Sequenz: Cholesteatom
 

Tumoren durch HPV-Viren nehmen zu

Auch lässt sich in den letzten Jahren ein weltweiter Anstieg an HPV-assoziierten Oropharynxtumoren feststellen, so der Experte. Betroffen sind nicht etwa ältere Patienten mit starkem Nikotin- und Alkoholkonsum, sondern junge Frauen, teilweise nicht älter als 18 Jahre. Der Grund für diesen enormen Anstieg ist bisher nicht bekannt. Allerdings können inzwischen Tumoren auf diese speziellen Viren getestet werden, so dass deutlich mehr Fälle bekannt und dokumentiert werden. Eine frühzeitige HPV-Impfung könnte gegebenenfalls helfen, nicht nur Zervixkarzinome sondern auch Tumoren im HNO-Bereich zu vermeiden.

Die dritte Gruppe an HNO-Patienten, die der Allgemeinradiologe zu Gesicht bekommt, sind Patienten mit Tumoren zum Beispiel an den Mandeln, den Speicheldrüsen oder am Kehlkopf. Oft ergeben sich diese als Zufallsbefunde beim Zahnarzt. Manchmal kann der HNO-Arzt aber auch keine Ursache für die anhaltende Heiserkeit oder die Schluckbeschwerden seines Patienten erkennen und empfiehlt zur weiteren Abklärung eine CT oder MRT – in diesem Fall, laut Mack, gleichwertige Methoden. Denn ein Tumor kann auch unter der Schleimhaut sitzen, so dass er vor den Augen des HNO-Arztes verborgen bleibt. „Genau das ist der Grund, weshalb HNO-Ärzte relativ abhängig sind von der radiologischen Diagnostik: Sie sehen beim besten Willen nicht, was sich in der Tiefe abspielt.“
 

MRT, T1 gewichtete Aufnahme mit Kontrastmittel und Fettunterdrückung: Tonsillenkarzinom rechts (Pfeile) und Lymphknotenmetastase rechts (Pfeilspitze)
 

Empfehlung: Fortbildungen, Kurse und Kongresse besuchen

Was also kann der Allgemeinradiologe tun, um HNO-diagnostisch am Ball zu bleiben? Prof. Mack: „Er sollte Fortbildungen, Kurse und Kongresse im Bereich der HNO-Diagnostik besuchen.“ Die Konzentration auf den Bereich der Nasennebenhöhlen reicht seiner Meinung nach schon aus, um das Gros der Fragestellungen gut beantworten zu können. „Und wer sich in einem bestimmten HNO-Bereich gar nicht auskennt, sollte sich Unterstützung bei der Interpretation und Auswertung der Bilder holen“, so Mack. Wie zum Beispiel bei rund 60 Radiologen der Arbeitsgemeinschaft HNO-Diagnostik der Deutschen Röntgengesellschaft, der auch Prof. Mack angehört.
 

Profil

Prof. Dr. Martin Mack ist Facharzt für Radiologie und studierte Medizin in München, Berlin und New York. Nach beruflichen Stationen als Assistenzarzt, Geschäftsführender Oberarzt und Stellvertretender Direktor in Frankfurt und Berlin absolvierte er ein zusätzliches Studium „BWL für Ärzte“, das er 2004 als zertifizierter Gesundheitsökonom abschloss. Von 2008 - 2011 war er Vice President und von 2011 - 2014 President der European Society of Head and Neck Radiology (ESHNR).
Seit 2012 ist er Gesellschafter der Gemeinschaftspraxis Radiologie München und seit 2013 Mitglied des Direktoriums der Akademie für Fort- und Weiterbildung in der Radiologie der Deutschen Röntgengesellschaft. Im Mai 2019 wurde er in den Vorstand der AG Bildgebende Verfahren des Bewegungsapparats der Deutschen Röntgengesellschaft gewählt.

Lassen Sie sich inspirieren