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Dosismanagement - Keine Schonfrist für radiologische Einrichtungen

Seit 1. Januar 2019 gilt in Deutschland ein neues Strahlenschutzgesetz. Es regelt für radiologische Einrichtungen in Deutschland den Umgang mit der Röntgenstrahlung. Doch die meisten radiologischen Kliniken und Praxen haben noch nicht realisiert, dass diese neue Strahlenschutzverordnung auch für sie bereits seit Anfang 2019 gilt, erläutert Maik Fuhrmann, Medizinphysikexperte bei b.e.consult im Gespräch.

„In der Regel sind Kunden, die einen Medizinphysikexperten anfragen, überrascht, wenn ich nach dem Vorhandensein eines Dosismanagementprozesses frage. Sie sind davon ausgegangen, eine Schonfrist bis Ende 2022 zu haben.“ Dabei ist die Verordnung hier eindeutig: Der Strahlenschutzverantwortliche hat in seiner Einrichtung dafür zu sorgen, dass Referenzwertüberschreitungen und damit auch Vorkommnisse durch vorausschauende Risikobeurteilung vermieden werden. Falls diese aber dennoch auftreten, hat er dafür zu sorgen, dass sie erkannt, dokumentiert, ggf. gemeldet und nachteilige Auswirkungen auf die Patienten möglichst gering gehalten werden (§ 105 StrlSchV).

Der Gesetzgeber empfiehlt hier explizit die vorausschauende Risikountersuchung als vorbereitende Maßnahme, da diese darauf ausgerichtet ist, Risikokonstellationen zu identifizieren und dadurch Risiken zu minimieren. 

Seit mehr als einem Jahr gibt es also die Verpflichtung, einen Dosismanagementprozess einzuführen, und zwar unabhängig davon, ob man einen Medizinphysikexperten (MPE) bestellt hat oder bestellen muss. „Für den MPE ist es essenziell, dass ein Dosismanagementprozess implementiert wurde, da er zusammen mit dem Strahlenschutzbeauftragten oder dem Betreiber die Verantwortung für die Dosis des CT, der Durchleuchtungs- oder der Interventionsanlage der Einrichtung übernimmt. Wer die Verantwortung übernimmt, muss wissen, was in der Einrichtung getan wird, und dafür sind Informationen zu den Dosisdaten notwendig. In der Regel kommt hier eine Dosismanagementsoftware ins Spiel, die die benötigten Daten liefert.“ so Fuhrmann.

Das Gesetz und die Verordnung stellen an die Art der systematischen Dokumentation keine spezifischen Anforderungen. Aber Fuhrmann wird deutlich: „Als MPE werde ich nur aktiv, wenn ich einen funktionierenden Dosismanagementprozess vorfinde, notfalls arbeite ich am Anfang auch mit einer Excel-Tabelle. Vermutlich handhaben das die meisten Kollegen ähnlich. Insofern dringe ich bei meinen Kunden darauf, zunächst die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen.“

Fachkräftemangel auch bei den Medizinphysikexperten

Das Bundesministerium für Gesundheit hat die Übergangsregelung bis Ende 2021 verlängert, die besagt, dass alle MPE Deutschlands, die irgendeine Fachkunde im Strahlenschutz vorweisen können - sei es Strahlentherapie oder Nuklearmedizin - auch als MPE für die Radiologie tätig werden dürfen. Mit anderen Worten, es gibt schon jetzt zu wenige Experten, ein Mangel, der ab Ende 2022 richtig spannend wird, wenn alle radiologischen Hochdosissysteme von einem MPE mitbetreut werden müssen. Zwar gebe es laut Fuhrmann viele Ausbildungsprogramme, die aber erst im letzten Jahr aufgelegt wurden: „Da die Ausbildung zum Medizinphysikexperten jedoch allein im Sach- und Fachkundeerwerb zwei Jahre dauert, ist anzunehmen, dass sich die Situation weiter verschärfen wird, zumal die Fachgesellschaften als Grundvoraussetzung ein Physikstudium mit Masterabschluss erwarten.

Fehlende Aktualisierung der Richtlinie Strahlenschutz in der Medizin

Außerdem kommt hinzu, dass es im Moment noch keine aktualisierte Rahmenrichtlinie gibt, aus der ein MPE konkret entnehmen könnte, wie viel Zeit er tatsächlich pro Anlage einsetzen sollte. Diese Richtlinie wird wahrscheinlich bis Ende des Jahres vorliegen und schafft dann hoffentlich eine Grundlage, um den Bedarf an MPE-Stellen präzise zu eruieren.

Trotz dieser Unwägbarkeiten warnt Fuhrmann davor, die Verordnung auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Fakten sind bekannt, eine Übergangsfrist für die Bestellung eines MPE in der Radiologie bis Ende 2022 sei eingeräumt und wer darauf setze, ohne MPE weitermachen zu können, riskiere die Stilllegung seiner Anlagen.

MPE-Tätigkeit im interventionellen Bereich

Das gilt auch für interventionell tätige Radiologen, wobei hier nicht nur die Patientendosis, sondern auch die Dosis für die Mitarbeiter/-innen im Blick behalten werden muss. Das bedeutet, die Rahmenbedingungen in den jeweiligen Einrichtungen vor oder während der Aufnahme der Tätigkeit als MPE genau zu prüfen. So sollten die Räumlichkeiten und die persönliche Schutzausrüstung der Mitarbeiter/-innen vor Ort genauso geprüft werden wie die Werte der Personaldosis.

Über mangelnde Beschäftigung macht sich der Experte keine Sorgen. Die Konkretisierung der Aufgaben eines MPE, die in den neuen Richtlinien festgehalten werden, und der aktuelle Mangel an Fachkräften wird für mehr als genug Auslastung sorgen. Besonders ab dem Jahr 2022 rechnet Fuhrmann mit einem deutlichen Anstieg der Beratungsanfragen.

Profil:

Maik Fuhrmann ist Gesundheitsökonom, Medizinphysikexperte und Praxisberater bei b.e.consult. Nach seiner Ausbildung zum staatlich geprüften Umwelttechnischen Assistenten absolvierte er in Karlsruhe seine Ausbildung zum Dipl.-Ing. für Strahlenschutz. Seit 1998 ist Fuhrmann als Strahlenschutz- und Praxisberater in verschiedenen radiologischen Einrichtungen tätig.

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