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Ferumoxtran öffnet eine neue diagnostische Tür

Ein in Zulassung befindliches eisenhaltiges MRT-Kontrastmittel zur Detektion kleiner Lymphknotenmetastasen könnte auch bei der Lokalisierung von Läsionen im Rahmen verschiedener entzündlicher Erkrankungen (beispielsweise Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis) von Nutzen sein.

„Es handelt sich nicht nur um ein neues Produkt, sondern es öffnet für die Magnetresonanztomographie eine neue diagnostische Tür in die funktionelle Diagnostik hinein“, bestätigt Dr. Jürgen Feuerstein, CEO von SPL medical und freut sich über das von seinem Unternehmen entwickelte MRT-Kontrastmittel mit dem Wirkstoff Ferumoxtran. Derzeit läuft die dritte und damit letzte Phase der Zulassungsstudie für die Substanz. Ziel ist zunächst die Zulassung der Indikation zur Erkennung von Lymphknotenmetastasen bei Prostatakrebs – weitere Indikationen, auch außerhalb der Onkologie, sollen folgen.

Es handelt sich um ein Kontrastmittel, das auf Eisenoxidpartikeln in Nanogröße basiert (Ferumoxtran). Es wird intravenös 24 bis 36 Stunden vor einer MRT-Untersuchung verabreicht, um dem Körper Zeit zu geben, die ultrakleinen Eisenoxidpartikel zu absorbieren. Weiße Blutkörperchen befördern die Nanopartikel zu den Lymphknoten. Die Nanopartikel werden von den gesunden Lymphknoten aufgenommen, die sich dann im MRT-Scan schwarz darstellen. Der Teil der Lymphknoten, der Metastasen enthält, absorbiert die Nanopartikel nicht oder nur sehr geringfügig. Daher erscheinen die Metastasen im MRT-Scan weiß und können somit leicht erkannt werden.

„Wir konnten zeigen, dass ein MRT-Scan mit Ferumoxtran die einzige Methode ist, mit der sich Lymphknotenmetastasen bis zu einer Größe von zwei Millimetern verlässlich nachweisen lassen“, erklärt Feuerstein. Standard-MRT, CT oder PET können Lymphknotenmetastasen unter sieben bis acht Millimetern aus physikalischen Gründen nicht sichtbar machen. „Die Detektion von kleinen Lymphknotenmetastasen ist gerade beim Prostatakrebs von entscheidender Bedeutung“, erläutert Feuerstein: „Werden die Metastasen nämlich detektiert, solange sie noch deutlich unter einer Größe von acht Millimetern liegen, erhöht sich die Überlebenszeit der Patienten signifikant“.

 Eine aktuell publizierte Studie hat auch gezeigt, dass die – ebenfalls noch nicht zugelassene – PSMA-PET und die MRT-Untersuchung mittels Ferumoxtran komplementär sind: Mit PSMA-PET lassen sich kleine Lymphknoten kaum sichtbar machen – eher aber Knochen- oder Weichteilmetastasen. Die Nano-MRT mittels Ferumoxtran macht diese kleinen Metastasen aber zuverlässig sichtbar.

Das Kontrastmittel könnte laut Feuerstein auch bei anderen Krebsarten, etwa bei Kopf- und Halstumoren oder beim Mammakarzinom, von Nutzen sein. „Ferumoxtran könnte aber auch für Indikationen außerhalb der Onkologie einen großen Zugewinn mit sich bringen“, unterstreicht Feuerstein. Während nämlich ein gewöhnliches Kontrastmittel bei der MRT den morphologischen Kontrast verstärkt, wird Ferumoxtran bei der Nano-MRT von den Makrophagen aufgenommen und gelangt auf diese Weise überall dorthin, wo Makrophagen aktiv sind. Denn Makrophagenaktivität findet nicht nur in gesunden Lymphknoten statt, sondern ist auch ein typisches Kennzeichen von entzündlichen Erkrankungen wie etwa rheumatoider Arthritis, Multipler Sklerose, aber auch in arteriosklerotischen Plaques. „Auf diese Weise kann man mit einer Ganzkörper-MRT erkennen, wo genau im Körper Entzündungsprozesse ablaufen“, bekräftigt Feuerstein.

In der MS-Diagnostik ist es mit einem solchen Scan möglich, Entzündungsherde unabhängig von einer aktiven oder inaktiven Blut-Hirn-Schranke zu lokalisieren. „Das ist für die moderne MS-Diagnostik immens wichtig, weil fast alle modernen Therapeutika nur bei Patienten mit aktivem entzündlichem Geschehen im Hirn eingesetzt werden können“, so Feuerstein: „Mittels diagnostischer Standardmethoden ist es derzeit nicht möglich zu erkennen, ob die mit MS verbundenen Entzündungsprozesse im Gehirn gerade aktiv sind.“

Eine weitere mögliche Indikation für den Einsatz des innovativen Kontrastmittels ist die MR-Angiographie. Bei Patienten mit hochgradiger Niereninsuffizienz sind jodhaltige Kontrastmittel, wie sie bei der CT-Angiographie eingesetzt werden, kontraindiziert. Und die mögliche Alternative, nämlich gadoliniumhaltige MRT-Kontrastmittel, sind aufgrund der latenten Diskussion um die Ablagerungen von Gadolinium in verschiedenen Körperregionen, ins Kreuzfeuer geraten.

„Mit Ferumoxtran ist es möglich, innerhalb einer halben Minute eine MRT-Ganzkörper-Angiographie mit einer Auflösung wie bei einer CT zu machen“, betont Feuerstein. Studien, die die genannten Indikationen untermauern sollen, sind parallel zur Zulassungsstudie an einer Reihe universitärer Zentren in Vorbereitung.

Die derzeit laufende Zulassungsstudie, die für die Detektion von Lymphknotenmetastasen bei Prostatakrebs konzipiert wurde, und die an Zentren in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden durchgeführt wird, bietet ein anschauliches Beispiel für die von Land zu Land unterschiedlichen Rahmenbedingungen für die medizinische Forschung. In den Niederlanden sind bereits 700 Patienten mit Ferumoxtran gescannt worden - in einem sogenannten „Named-Patient-Use“-Verfahren, also die Anwendung eines nicht zugelassenen Medikaments im Einzelfall. In Deutschland hingegen kein einziger, weil derartige „individuelle Heilversuche“ hierzulande nicht erlaubt sind. In der Schweiz wiederum hat die ETH Zürich eine Sondergenehmigung erhalten, um Prostatakarzinompatienten unter Einsatz des innovativen Kontrastmittels zu untersuchen. Dem Antrag bei den deutschen Behörden, die Substanz im Rahmen eines „Härtefall-Programms“ („Compassionate Use“) zu testen, wurde bislang nicht stattgegeben – und dies trotz der Real-Life-Daten der 700 Patienten aus den Niederlanden, die das günstige Nutzen-Risiko-Verhältnis belegen. „Deutschland setzt die entsprechenden EU-Regeln viel restriktiver um als andere Länder“, konstatiert Feuerstein mit Bedauern.

 

Profil:

Jürgen Feuerstein studierte Chemie und promovierte 1987 an der Medizinischen Hochschule Hannover mit einem biochemischen Thema. Er arbeitete bis 1999 als Senior Director für Boehringer Mannheim und Roche, um sich einer Neugründung, der Scil Diagnostics zu widmen, danach als Geschäftsführer von Menarini Diagnostics Deutschland und von 2007 bis 2013 als Geschäftsführer der Guerbet GmbH. Seit Herbst 2013 ist er als Geschäftsführer bei der b.e.imaging GmbH tätig und leitet den Bereich „Business Development“. Aktuell verantwortet er unter anderem die finale Entwicklung von Ferumxotran.

 

 

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