Zum Hauptinhalt springen

Ganzkörper-MRT – Plädoyer für einen breiteren Einsatz

Wer im Internet nach dem Begriff „Ganzkörper-MRT“ sucht, stößt als erstes auf eine Vielzahl an Instituten, die diese Untersuchungsmethode unter anderem zur Krebsvorsorge (und auch zur Früherkennung von Gefäßerkrankungen) anbieten – auf Kosten des jeweiligen Patienten, denn die Krankenkassen übernehmen die Kosten für diese Art von Screening nicht.

„Eine solche Untersuchung macht durchaus Sinn“, sagt Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Marius Mayerhöfer, PhD, Facharzt an der Klinischen Abteilung für Allgemeine Radiologie und Kinderradiologie der Medizinischen Universität Wien: „Wenn sich im Ganzkörper-MRT keine Anzeichen dafür finden, dann kann eine Krebserkrankung mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, wenngleich ein 100-prozentiger Ausschluss natürlich nie möglich ist.“

Da diese Methode erlaubt, verlässlich Tumore im gesamten Körper ausfindig zu machen, stellt sich die Frage: Warum wird kommt sie nicht längst im großen Stil zur Suche nach Fernmetastasen bei Krebspatienten in der Klinik zum Einsatz? 

„Die Ganzkörper-MRT wird in der klinischen Praxis in erster Linie bei Tumoren eingesetzt, die als Ganzkörpererkrankung auftreten, bei denen es also keinen Primärtumor gibt“, erläutert Mayerhöfer. Zur Diagnose des Multiplen Myeloms ist die Ganzkörper-MRT bereits in den Leitlinien verankert. So lassen sich die mit dieser Erkrankung verbundenen Knochenläsionen und von Tumorzellen befallene Lymphknoten im ganzen Körper aufspüren. Bei malignen Lymphomen ist zwar die PET-CT Standard, angesichts der Strahlenbelastung sei die Ganzkörper-MRT bei Kindern und Jugendlichen jedoch eine mögliche Alternative sowohl zur PET als auch zur CT, wie der Wiener Radiologe erklärt: „Bei allen anderen Krebserkrankungen ist die Ganzkörper-MRT klinisch nicht etabliert.“

Die MRT erkennt Knochenmark

Mayerhöfer würde den breiteren Einsatz der Ganzkörper-MRT durchaus begrüßen „Die MRT ist zwar in mancher Hinsicht den Hybridverfahren PET-CT und PET-MR unterlegen, besitzt aber einen entscheidenden Vorteil: es handelt sich um eine Technik, die vollkommen ohne schädliche Strahlung auskommt“, bekräftigt er. Und er nennt einen weiteren Vorteil der MRT: „Sie ist die einzige Modalität, die das Knochenmark direkt sichtbar machen kann.“ In der CT lassen sich zwar die Kortikalknochen erkennen, nicht aber das Knochenmark, wo sich Metastasen befinden können. PET wiederum ist vor allem bei sehr kleinen Läsionen nicht verlässlich – ein prinzipielles Problem der Auflösung. Auch für regelmäßige Kontrollen nach Komplettremissionen biete sich die Ganzkörper-MRT an: „In solchen Fällen ist eine Modalität ohne Strahlenbelastung zu bevorzugen, weil sich die Belastung nicht summieren kann.“

Diffusion und Perfusion bei der MRT

Große Stücke setzt Mayerhöfer auf die diffusionsgewichtete MRT (DW-MRT). „Bis jetzt hieß es immer: MR-Verfahren liefern tolle anatomische Bilder, können aber – im Gegensatz zur PET – keine funktionellen Informationen wie etwa Stoffwechselprozesse abbilden“, sagt er. Mit DW-MRT jedoch wird die Bewegung des in Wassermolekülen gebundenen Wasserstoffs im Raum zwischen den Zellen gemessen. Wenn Zellen zu groß sind oder die Zelldichte pathologisch angestiegen ist – beides ist bei Tumoren der Fall – oder wenn Nervenzellen etwa infolge eines Schlaganfalls aufquellen, kann sich das Wasser im Interzellularraum nicht bewegen, was in der diffusionsgewichteten Bildgebung zu einem starken Signal führt. „Ein ganz einfaches Prinzip, das zu großartigen Bildern führt“, schwärmt der österreichische Radiologe. Ein zusätzlicher Vorteil dieser Methode ist, dass sie gänzlich ohne Kontrastmittel auskommt. „Für onkologische Fragestellungen ist das sicher die Technik der Zukunft“, ist Mayerhöfer überzeugt.

Auch die Perfusions-MRT, die die Durchblutungsfunktion sichtbar macht, ist ohne die Gabe von Kontrastmittel möglich, wenngleich diese Methode mit einer langen Messzeit einhergeht. Aus diesem Grund ist die Perfusions-MRT für eine Ganzkörper-Untersuchung nicht wirklich geeignet – aber das bedeute nicht, dass sie nicht doch eingesetzt werden kann: „Ganzkörper-MRT bedeutet nicht, dass man für den gesamten Körper dasselbe Protokoll fahren muss“, betont Mayerhöfer. Man könne zum Beispiel den gesamten Körper mit Standardsequenzen screenen, aber bestimmte Regionen mit unterschiedlichen Sequenzen zusätzlich untersuchen.

Was die MRT nicht kann

Die große Schwachstelle der MRT freilich bleibt die Lunge. „Dort ist jede Methode der CT unterlegen“, weiß Mayerhöfer: „Die MRT beruht auf dem in Wassermolekülen gebundenen Wasserstoff – und davon gibt es in der Lunge nicht besonders viel, im Gegensatz zu anderem Gewebe.“ Ein weiteres Problem der MRT sind Implantate, die nicht MR-tauglich sind oder das Magnetfeld verzerren und somit zu Artefakten führen. Nicht zu unterschätzen sei auch die bei vielen Patienten auftretende Klaustrophobie. Einer von zehn bis einer von 20 Patienten, schätzt der Wiener Radiologe, bekommt es in den engen Röhren – oder bereits bei deren Anblick – mit Raumangst zu tun. Weil die MRT anfällig für Bewegungsartefakte ist, sind Patienten, die aufgrund von Schmerzen oder neurologischen Störungen nicht ruhig liegen können, für diese Methode wenig geeignet. „Das sind die Gründe, warum die MRT nicht in dem Ausmaß als Ganzkörpermodalität etabliert ist, wie sie es verdienen würde.“

Profil:

Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Marius Mayerhöfer, PhD ist Professor an der Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin der Medizinischen Universität Wien, wo er als bereichsleitender radiologischer Oberarzt für PET-CT und MR-PET fungiert. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der multiparametrischen Bildgebung zur Charakterisierung und zur Beurteilung des Therapieansprechens von Lymphomen, neuroendokrinen Tumoren und Melanomen. Noch während der Facharztausbildung an der Medizinischen Universität Wien schloss er ebendort, wo er zuvor bereits Humanmedizin studiert hatte, ein PhD-Studium in Medical Physics ab. 

Lassen Sie sich inspirieren