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Geregelte Abläufe, klare Dokumentation – Hygienemanagement in der täglichen Praxis ist beherrschbar

Hygienemanagement in Arztpraxen ist ein breites Feld, das unter anderem die Bereiche Hände- und Flächenhygiene, das Aufbereiten von Medizinprodukten sowie den Umgang und die Lagerung von Sterilgütern betrifft. VISIONupdate sprach mit Philipp Grömminger, Geschäftsführer von PlusQuality, über die besonderen Herausforderungen an das Hygienemanagement in radiologischen Praxen.

Herr Grömminger, welche Themen beschäftigen Sie am meisten in der Praxis?
In der Radiologie haben wir Umgang mit Kontrastmitteln und sind vor allem invasiv tätig – aus hygienischer Sicht ein wichtiger Punkt, da die Haut oder Schleimhaut des menschlichen Körpers durchdrungen wird. Zudem ist die Hygiene ein wichtiger Teil des Arbeitsschutzes. Die Prävention von Nadelstichverletzungen ist ein besonders kritischer Punkt in der Arztpraxis. Selbst ohne mögliche Infektion nach einer Stichverletzung führen manche Praxen aus versicherungstechnischen Gründen oder aus Angst eine PEP (Postexpositionsprophylaxe) durch. Da die dafür eingesetzten Virostatika teils starke Nebenwirkungen und damit sichtbaren Einfluss auf den menschlichen Organismus haben, wünscht man eine solche Therapie niemandem. Eines unserer obersten Ziele ist deshalb, zu verhindern, dass sich Mitarbeiter einer Praxis an einer kontaminierten Nadel stechen.

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt: Radiologische Praxen oder MVZs sind häufig an Krankenhäuser angeschlossen und kommen daher mit Patienten in Kontakt, die einen multiresistenten Keim tragen.

Wie sehen die Abwehrmaßnahmen gegen multiresistente Keime in der radiologischen Praxis aus?
Da wir nie wirklich wissen, wer einen multiresistenten Keim auf der Haut oder im Darmtrakt trägt, ist hier vor allem die Basishygiene wichtig. Die hygienischen Maßnahmen sind so auszuführen, dass man sich bei der Behandlung eines Patienten immer gleich verhält und Standardmaßnahmen zur Desinfektion einhält. In Hinblick auf den Workflow in der Praxis ist es am sinnvollsten, einen infektiösen Patienten am Ende des Tages zu behandeln. Die erweiterten Desinfektionsmaßnahmen wirken sich dann nicht so störend auf den Gesamtablauf aus.

Diese erweiterten Desinfektionsmaßnahmen sind vor allem bei bekannten Infektionen und Besiedelungen geboten, bei denen die Basishygienemaßnahmen nicht ausreichend sind. Ein Beispiel: Clostridien sind bakterielle Erreger, die sich an der Luft zu Bakteriensporen verkapseln. Damit werden sie sehr umweltresistent, die Hände- und Flächenhygiene wird aufwändiger: Die Hände müssen alkoholisch desinfiziert und gewaschen werden, da man die Sporen mit dem Händedesinfektionsmittel alleine nicht eliminiert bekommt. Und bei der Flächendesinfektion benötigt man schärfere Mittel als sonst, um den Keim abzutöten.

Sind hier nur Praxen betroffen, die an Krankenhäuser angeschlossen sind oder viel mit Krankenhauspatienten zu tun haben?
Praxen, die an Krankenhäuser angeschlossen sind, sind häufiger mit multiresistenten Erregern konfrontiert. Das hängt auch mit den Abstrichen zusammen, die bei zutreffenden Risikofaktoren bei den Patienten durchgeführt werden. Praxen, die nicht an Krankenhäuser angeschlossen sind, haben auch mit multiresistenten Erregern zu tun, sind sich meistens dessen nur weniger bewusst.

Langfristig werden resistente Erreger nicht weniger werden - im Gegenteil, die Zahl der resistenten und multiresistenten Erreger steigt stetig an. Zum einem weil wir in der Humanmedizin auf Antibiotika angewiesen sind, zum anderen aber auch, weil wir in der Veterinärmedizin Antibiotika im großen Stil verwenden und diese dann über die Nahrungskette wieder aufnehmen. Zudem werden unsere Nachweismethoden auch immer präziser. In anderen Worten, radiologische Praxen werden zukünftig noch stärker betroffen sein. Gerade für immunsupprimierte Patienten oder solche mit offenen Wunden können Infektionen mit multiresistenten Erregern eine Gefahr darstellen.

Spielen Flüchtlinge, Vielreisende und Urlauber eine besondere Rolle in diesem Konzert?
In einem gewissen Maße spielt das sich verändernde Lebensverhalten der Menschen schon eine Rolle. Besonders bei Fernreisenden aus Südostasien zeichnet sich ab, dass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit Antibiotika-resistente Erreger im oder am Körper tragen. Aber selbst innereuropäisch gibt es Unterschiede: Tendenziell ist im Norden die Verbreitung von multiresistenten Erregern geringer als im Süden unseres Kontinents.

Sie haben Flüchtlinge angesprochen: Wenn diese unter widrigen hygienischen Umständen leben mussten, können sich Krankheiten ausbilden, mit denen wir dann auch in der Radiologie konfrontiert sind. Auch hier ist die Händehygiene die wertvollste Maßnahme zur Unterbrechung von Infektionsketten. Bei bestimmten Symptomen wie z.B. beim Verdacht auf offene Lungentuberkulose ist der entsprechende Mundschutz einzusetzen.

Welche Aufgaben haben Sie als Hygieneberater?
Wir versuchen vor allem, aus dem Hygienemanagement ein beherrschbares Thema zu machen, um Gefühlen von Überforderung entgegen zu wirken. Dazu zählt, die Praxismitarbeiter hinsichtlich der Hygienemaßnahmen zu schulen und zu sensibilisieren. Gleichzeitig geben wir ihnen Tools an die Hand, um die Patienten zu schützen.

Besonders wichtig ist es, Mitarbeitern die Angst zu nehmen. Insbesondere solche, die gerade an einer Schulung teilgenommen haben und dabei zum ersten Mal mit dem Thema Hygiene konfrontiert worden sind, haben häufiger Angst vor Kontaminationen. Es ist mir ein großes Anliegen, den Mitarbeitern klar zu machen, dass Keime und Bakterien ganz normal sind und zu unserem Leben dazu gehören. Auch die meisten multiresistenten Erreger machen dem gesunden Menschen in aller Regel nichts. Da unsere Patienten aber häufig immunsupprimiert sind oder im weiteren Verlauf der Behandlung operiert werden, müssen diese geschützt und unsere Hygienemaßnahmen angewendet werden.

Auch die Hygienedokumentation ist in diesem Maßnahmenpaket ein wichtiger Aspekt des Qualitätsmanagements, um die gesetzlichen Anforderungen einzuhalten. Eine gute Dokumentation ist einfach und übersichtlich aufbereitet, so dass sie den Mitarbeitern bei der Arbeit nutzt und systematisch angepasst werden kann.

Wer überprüft Hygienemaßnahmen in der radiologischen Praxis?
Viele Radiologien sind nach der DIN EN ISO 9001:2015 zertifiziert und haben damit bereits eine Methode eingeführt, sich selbst zu überprüfen. Damit setzen sie natürlich auch gesetzliche Anforderungen um: Hier spielen auch das Infektionsschutzgesetz und die Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV) eine Rolle, die von den zugelassenen Stellen zertifiziert werden.

Auf gesetzlicher Seite treten die Regierungspräsidien bzw. in manchen Bundesländern auch die Gewerbeaufsichtsämter in Aktion, die insbesondere die Anforderungen der MPBetreibV überprüfen. Allerdings können auch die regional strukturierten Gesundheitsämter Praxen kontrollieren. Hier kommen dann die unterschiedlichen Hygieneverordnungen der Bundesländer und beispielsweise das Arzneimittelgesetz zum Zuge.

Das Arzneimittelgesetz spielt in jeder Arztpraxis eine wichtige Rolle: Wer zum Beispiel Hände- oder Hautdesinfektionsmittel umfüllt, wird in diesem Moment zum Arzneimittelhersteller.

Damit greifen die sehr strengen Vorschriften für die Arzneimittelherstellung. Daher ist jeder Arztpraxis davon abzuraten, Hände- oder Hautdesinfektionsmittel umzufüllen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Profil

Philipp Grömminger ist seit 2014 Gesellschafter und Geschäftsführer der PlusQuality GmbH in Stockach. Das Familienunternehmen bietet Qualitätsmanagementsysteme und Hygienedienstleistungen für Arztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeheime an. Der in Stockach aufgewachsene Grömminger studierte von 2008 bis 2012 Chemie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, bevor er 2013 als Unternehmensberater bei der Richard Nestvogel Consulting GmbH in Überlingen am Bodensee tätig wurde. Grömminger ist unter anderem externer Auditor für die DIN EN ISO 9001:2015, technischer Sterilgutassistent (Fachkunde I nach DGSV für die Aufbereitung von Medizinprodukten), angehende Fachkraft für Arbeitssicherheit und hat diverse Fortbildungen im Bereich IT und Datenschutz absolviert.

BUs:
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Bestimmte bakterielle Erreger wie Clostridien sind sehr umweltresistent und erfordern aufwändigere Hände- und Flächenhygiene.

Quelle: Kateryna Kon/Shutterstock.com

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Vor allem die Basishygiene ist wichtig, um multiresistente Keime in der radiologischen Praxis abzuwehren.

Quelle: santypan/Shutterstock.com

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