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Intervention & Immunonkologie: Interdisziplinär ans Ziel

Die radiologische interventionelle Onkologie (IO) hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem festen Therapiebestandteil in vielen Bereichen der Onkologie entwickelt. Dabei ähnelt das vielfältige Sortiment an minimal-invasiven IO-Techniken den zugrunde liegenden Konzepten „klassischer“ Behandlungen wie Resektion, Chemo- oder Strahlentherapie. In vielen klinischen Situationen sind die IO-Ergebnisse vergleichbar mit Operationen und Chemotherapie wie z.B. beim hepatozellulären Karzinom (HCC), bei oligometastatischen Erkrankungen der Leber und Lunge oder beim kleinen Nierenzellkarzinom, begleitet von deutlich weniger Nebenwirkungen und hoher Patientenakzeptanz.

Im Gespräch erläutert Prof. Dr. Thomas Helmberger, Chefarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie, Neuroradiologie und Nuklearmedizin an der München Klinik Bogenhausen, den neuen Werkzeugkoffer der interventionellen Onkologen.

In den letzten zehn Jahren haben neben Enzym-inhibierenden Therapien (z.B. Tyrosinkinaseinhibitoren) die immunmodulierenden onkologischen Therapien eine dramatische Entwicklung erfahren. Diese können auf bisher nicht gekannte Weise die körpereigene Immunabwehr darin unterstützen, Tumorzellen zu entdecken und zu eliminieren. Vielfach sind die Effekte dieser sehr selektiven Therapieformen noch begrenzt und gelegentlich mit deutlichen Nebenwirkungen vergesellschaftet.

„Für die IO-Verfahren, deren immunmodulatorischen Wirkungen bisher keine wesentliche Bedeutung beigemessen wurde, bieten sich jedoch neue, synergistische Möglichkeiten an Kombinationstherapien. Es ist zu erwarten, dass der kombinierte Einsatz von IO und Immunonkologie dazu beitragen wird, die Einschränkungen der jeweiligen Behandlungsmethoden zu überwinden, wie beispielsweise begrenzte lokale Effekte oder hohe Nebenwirkungsraten“ so der Experte. Die Behandlung einer definierten Krankheit durch ein Standardprotokoll wird sich laut Helmberger immer mehr in Richtung Präzisionsmedizin bewegen, wobei die verschiedenen therapeutischen Komponenten wesentlich präziser an den individuellen Patienten angepasst werden können, was derzeit in zahlreichen Studien evaluiert wird.  „Bei diesen Kombinationstherapien greifen also klassische operative oder minimalinvasive Verfahren effektiv mit individualisierten Therapien ineinander“, erläutert der Radiologe.

Das Zusammenspiel der therapeutischen Optionen wird komplexer – und damit die Anforderung an den Radiologen höher – vor allem ist viel Detailwissen gefragt: „Die Tumor-Response auf eine Immuntherapie kann ganz anders aussehen als bei einer konventionellen Behandlung“, nennt der Radiologe ein Beispiel. „Diese Unterschiede muss man kennen, um Effekte wie Pseudoprogression oder z.B. eine therapie-induzierte Pneumonitis nicht fehlzuinterpretieren und falsche therapeutische Schlüsse zu ziehen.“ Zudem entwickeln sich die Immuntherapien rasant weiter, alle paar Monate tauchen neue, vielversprechende Immuntherapeutika auf, die ein besseres oder spezifischeres Therapieansprechen, oder weniger Nebenwirkungen erwarten lassen. „Die Herausforderung ist, up-to-date zu bleiben.“

Von linearen Behandlungskonzepten zum komplexen Therapiekontinuum

Die komplexeren Behandlungsregime sind eine logische Folge des tieferen Verständnisses der Tumorbiologie. „Wir wissen mittlerweile, dass Tumoren auf zellulärer Ebene ganz unterschiedlich auf Therapien reagieren“, so Helmberger. „Entsprechend bewegen wir uns weg von Behandlungskonzepten mit linearen Therapieverläufen und einfachen Ja/Nein-Beobachtungen zum Ansprechen, hin zu einem komplexeren Therapiekontinuum: der Patient wird über längere Zeit begleitet und die Therapie auf differenzierte Weise dem Erkrankungsverlauf angepasst.“

Diese Entwicklung hat auch lange bestehende Grenzen zwischen Fachbereichen durchlässig gemacht, beobachtet der Radiologe: „Onkologen, Pathologen, Chirurgen, Strahlentherapeuten und diagnostische und interventionelle Radiologen sehen sich – zumindest in den großen Zentren – nicht als Konkurrenz, sondern arbeiten interdisziplinär und nutzen die gemeinsamen Synergien.“ In der Fläche ist es zwar noch nicht überall so weit, doch Helmberger zeigt sich augenzwinkernd optimistisch: „Als seinerzeit der Sicherheitsgurt eingeführt wurde, hat es auch gedauert, bis alle davon überzeugt waren.“

KI unterstützt menschliches Können – wenn man ihr den Boden bereitet

Ein weiteres Tool mit großem Potenzial sieht Helmberger in der Künstlichen Intelligenz (KI): „Die KI wird uns erlauben, komplexe Zusammenhänge zu analysieren und Verbindungen bei Erkrankungen und in Tumorprofilen herzustellen, die mit klassischen statistisch-analytischen Methoden verborgen geblieben wären.“ Erste KI-Tools sind bereits im Einsatz und helfen etwa dabei, Lungenrundherde zu erkennen, das Ausmaß von Emphysemen zu bestimmen oder die Perfusionseigenschaften verschiedener Organe oder Tumoren zu ermitteln. „Diese Helfer werden sich immer mehr in die alltäglichen klinischen Abläufe integrieren“, ist der Experte überzeugt. Daraus resultieren unterstützende Informationen, zum Beispiel ob es sich bei einer unter Therapie verdächtigen Stelle im MRT-Bild eher um einen Tumorrest oder eine Narbe handelt. Zukünftig werden Patientendaten aus verschiedenen Quellen – etwa radiologische Scans, Blutanalysen oder histopathologische Informationen – durch „intelligente Algorithmen so verknüpft, dass sich zunehmend individualisierte Einsichten in das spezifische Krankheitsgeschehen gewinnen lassen. Die entsprechende Aufbereitung und Standardisierung der hierfür notwendigen Daten, wird eine zentrale Aufgabe der medizinischen Institutionen, aber auch der industriellen Partner sein,“ blickt Helmberger in die Zukunft.

Profil:

Prof. Dr. Thomas Helmberger ist Chefarzt des Instituts für Radiologie, Neuroradiologie und minimal-invasive Therapie an der München Klinik Bogenhausen. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der onkologischen Diagnostik und Intervention interventionellen Onkologie, der abdominellen Bildgebung, sowie der vaskulären Bildgebung und Intervention. Der Radiologe ist Mitglied zahlreicher deutscher und internationaler Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Interventionelle Radiologie (DeGIR), der Europäischen Röntgengesellschaft (ESR) und der Europäischen Gesellschaft für kardiovaskuläre Radiologie (CIRSE). Darüber hinaus ist Prof. Helmberger als Gutachter für verschiedene Fachpublikationen tätig, darunter Hepatology, Interventional Oncology, Radiology und European Radiology.

 

 

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