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"Mir ist nicht bange um die Radiologie von morgen"

Treffen der Generationen - Teil 2

Von erfahrenen Kollegen lernen, Interdisziplinarität leben und das Privatleben nicht dem Beruf opfern – so beschreibt der junge Radiologe seinen Lebensentwurf. Was der erfahrene Bildgebungsspezialist Prof. Dr. Maximilian Reiser dazu sagt, lesen Sie jetzt. 

Als Sie sich zum Radiologen ausbilden ließen, war das Fach breiter angelegt. Die Subspezialisierung war kein Thema. War die Ausbildung einfacher zu Ihrer Zeit?

Die Entwicklung der Radiologie in den letzten Jahrzehnten macht meines Erachtens eine zunehmende Subspezialisierung unverzichtbar. Nur so kann dem Zuwachs an Wissen Rechnung getragen werden. Radiologen müssen heute den klinischen Partnern immer spezifischere Fragestellungen beantworten können. Folgerichtig wurden in Europa einige radiologische Subspeciality-Gesellschaften gegründet. In Deutschland trägt die Weiterbildungsordnung für Ärzte diesem fachlich gebotenen und international akzeptierten Trend nicht Rechnung und bringt die jungen Radiologen damit in eine schwierige Konfliktsituation. Insofern war die Situation zu meiner Zeit als Weiterbildungsassistent einfacher. Die Ausbildung erfolgte in der Allgemeinradiologie und die persönlichen Interessen und Neigungen konnte und musste man mit Eigeninitiative verfolgen.

Die heute für junge Radiologen wichtige Work-Life-Balance dürfte in Ihrem Leben nicht so eine große Rolle gespielt haben. Damals hieß das noch Freizeit, von der es wenig gab. Bedauern Sie das?

Es ist nicht zu leugnen, dass das Privat- und Familienleben inzwischen eine größere Rolle spielt und dass die jungen Kollegen dieses verteidigen und schützen wollen. Es hat sich ein Wertewandel vollzogen, der das Denken und Handeln nachhaltig beeinflusst. Die zunehmende Verdichtung der Arbeit und die elektronischen Medien verführen zu einer 24/7-Verfügbarkeit. Will man einem Burn-Out entgehen, muss man sich abgrenzen. Das Motto kann nicht mehr sein „work harder“, sondern sollte lauten „work smarter“. Es würde mir aber abwegig erscheinen zu sagen, früher sei alles besser gewesen.

Auch die Interdisziplinarität ist ein Stichwort, das heute wichtig ist. Was hat sich durch die Zusammenarbeit mit den Kollegen geändert?

Nicht nur die Interdisziplinarität, sondern auch die Interprofessionalität ist immer wichtiger geworden. Radiologen sind heute zunehmend in Organ- und krankheitsorientierten Diagnose- und Behandlungsteams integriert und arbeiten mit verschiedenen medizinischen Fachdisziplinen und nicht-medizinischen Experten zusammen. Dazu gehören Sozialarbeiter, Ingenieure und insbesondere die Medizinisch-Technischen Radiologie-Assistenten und Assistentinnen. Die Hierarchie wird dabei immer flacher. In interdisziplinären Konferenzen, speziell in den Tumorboards, sind Radiologen geschätzte und unverzichtbare Kollegen. Dort haben sie die Möglichkeit, radiologische Verfahren und Interventionen vorzustellen und zu empfehlen. Dadurch ist der Stellenwert und die Akzeptanz unseres Faches deutlich gestiegen.

Sie haben erlebt, dass die Radiologie zunehmend unter Druck gerät, erst durch die klinischen Fächer, dann durch neue Methoden aus dem Labor. Fürchten Sie um die Zukunft des Faches?

Diese neuen Herausforderungen sind ernst zu nehmen. Allerdings haben die Radiologie und die Nuklearmedizin heute eine viel größere Bedeutung für die Krankenversorgung als je zuvor. Daher sind die Verfahren der diagnostischen und interventionellen Radiologie inzwischen auch für andere Fächer sehr attraktiv geworden. Im Sinne einer arbeitsteiligen Medizin mit zunehmender Subspezialisierung ist es unabdingbar, dass radiologische Verfahren von speziell ausgebildeten Fachleuten ausgeübt werden – eben den Radiologen. Nur so können sie kompetent, sicher und wirtschaftlich eingesetzt werden. Die Labormedizin schlägt gerade mit Liquid Biopsy hohe Wellen. Wenn sich die Erwartungen an diese Verfahren erfüllen, wird dies unsere Herangehensweise in der Diagnostik und Therapiekontrolle grundlegend verändern mit der Konsequenz, die Verfahren der Bildgebung gezielter einzusetzen. Vermutlich wird sich aber auch eine Vielzahl neuer Indikationen für radiologische und nuklearmedizinische Untersuchungen und Interventionen ergeben.
Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass die medizinische Bildgebung auch in Zukunft dringend gebraucht wird. Das Berufsbild der Radiologen wird sich allerdings schneller verändern als je zuvor. Darauf sollte auch die Weiter- und Fortbildung junger Radiologen schnell reagieren.

 

Sie haben die immense Innovationskraft der Radiologie erlebt. Welche Entwicklung hat Sie am meisten beeindruckt und geprägt?

Ich habe meine Weiterbildung in der Radiologie 1976 begonnen. Damals gab es keine Computertomographie, keine Magnetresonanztomographie und die Ultraschalldiagnostik und Angiographie waren in den Anfängen. Es war für mich ein großes Privileg, dass ich Zeuge der rasanten Entwicklung dieser Technologien sein durfte und aktiv daran Anteil nehmen konnte. Insofern fällt es mir schwer, ein einzelnes Verfahren herauszuheben. Die Beschleunigung der MRT durch die Einführung neuer Pulssequenzen und die Spiral- und Mehrschicht-CT haben jedoch besonderen Eindruck auf mich gemacht. Und ganz besonders geliebt habe ich die interventionelle Radiologie, nicht zuletzt deshalb, weil man sich als Arzt und Therapeut bestätigt fühlen kann.

Sie haben noch im Verein mit den Physikern mit den Maschinen gekämpft, um die besten Bilder gerungen – bald werden die Maschinen den Job (mehr oder weniger) alleine machen. Was ist der Radiologe dann? Ein Kliniker mit Bildern?

Vielleicht sollte man den „Kliniker mit Bildern“ ersetzen durch „Kliniker mit spezieller Expertise auf dem Gebiet der Bildgebung und der bildgesteuerten minimal-invasiven Therapie“. Die Verfahren der künstlichen Intelligenz (AI) treiben derzeit die ganze Community um. Es gibt die Voraussage, dass die künstliche Intelligenz die Aufgaben der Radiologen und Pathologen eher innerhalb von Jahren als von Jahrzehnten übernehmen wird und beide Fächer damit zu den großen Verlierern gehören. In der Tat zeigen jetzt schon Applikationen von AI bei der Analyse radiologischer Bilddaten erstaunliche Ergebnisse. Gleichwohl erscheinen mir die Vorhersagen in Bezug auf die Radiologie etwas voreilig. Derzeit erleben wir weltweit einen ungebrochenen Anstieg der radiologischen und nuklearmedizinischen Anforderungen, die nur noch durch die Integration zahlreicher Daten zu einem klinisch verwertbaren Befund werden. Mit AI und Radiomics kann die Radiologie einen Mehrwert in Bezug auf die personalisierte Medizin leisten, der über die rein morphologische Beschreibung weit hinausgeht. Auch brauchen wir AI, um das Thema des quantitativen Imaging voranzubringen. Der Einsatz von AI wird hilfreich sein, um in Zukunft bessere radiologische Diagnosen mit einer geringeren Fehlerquote und verwertbaren quantitativen Parametern in strukturierter Form zu liefern. Die Radiologen werden auch in Zukunft eine sehr wichtige Funktion erfüllen, um die Bildgebung an die Patienten und die kooperierenden Fachdisziplinen zu vermitteln. Sie sollten diese Entwicklungen aktiv aufgreifen und sich auf eine Änderung ihres Arbeitsumfeldes vorbereiten. Gelingt dies, ist mir um die Zukunft der Radiologie nicht bang.

 

Profil:

Prof. Dr. Maximilian F. Reiser war 14 Jahre lang Leiter des Instituts für Klinische Radiologie am Klinikum Großhadern der LMU München. Von 2008 bis 2015 hatte er zudem das Amt des Dekans der traditionsreichen Medizinischen Fakultät der LMU inne. Während seiner beruflichen Laufbahn war der gebürtige Bayer Präsident der European Society of Musculosceletal Radiology, der Deutschen Röntgengesellschaft und des European Congress of Radiology. Reiser ist Ehrenmitglied in zahlreichen radiologischen Gesellschaften und nahm unter anderem Gastprofessuren an den Universitäten Wien und Stanford wahr.

BU: Vom Wandschrank mit Guckloch zum CT – 40 Jahre Entwicklung

Bildquelle: Courtesy of Siemens

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