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mpMRT der Prostata - Verfahren mit vielen Vorzügen, aber keine Vergütung

Der Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes; Diagnostik und Therapie stellen trotz einiger Fortschritte immer noch eine Herausforderung dar. Die aktuelle Interdisziplinäre S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms empfiehlt bei Verdacht auf ein Prostatakarzinom zwar noch immer die Durchführung einer systematischen Biopsie. Doch die multiparametrische MRT (mpMRT) der Prostata hat sich zu einem wertvollen diagnostischen Tool entwickelt. „Nicht zuletzt auf Grund der überzeugenden Studienlage bin ich vom Mehrwert der mpMRT bei Patienten mit Verdacht auf ein Prostatakarzinom, auch und insbesondere vor einer ersten systematischen Biopsie, überzeugt. Entsprechend der Leitlinie kann sie in der Primärdiagnostik eingesetzt werden.“, stellt PD Dr. Alexander Baur, Geschäftsführer der Conradia Radiologie Berlin, fest.

Die mpMRT der Prostata dient der Beurteilung der Anatomie und Morphologie, herangezogen werden aber auch funktionelle Parameter zur Detektion eines Karzinoms. So können selbst kleine abklärungswürdige Läsionen früh detektiert und klinisch signifikante, also behandlungsbedürftige Karzinome erkannt oder mit relativ hoher Sicherheit ausgeschlossen werden.

„Meiner Ansicht nach sollte die mpMRT integraler Bestandteil der Primärdiagnostik bei Patienten mit Verdacht auf Prostatakarzinom sein. Doch wenn wir sie, unter Befolgung geltender Qualitätsstandards durchführen, bekommen wir das leider von der Krankenkasse nicht bezahlt. Der EBM sieht für die Beurteilung der Prostata lediglich die GOP „MRT des Beckens“ vor. Einerseits erfüllt die mpMRT nicht den obligaten Leistungsinhalt einer „MRT des Beckens“, da eine dezidierte Darstellung des gesamten Beckens nicht erfolgt. Andererseits ist eine reguläre MRT des Beckens nicht geeignet, um die an eine mpMRT der Prostata gestellten Fragen zu beantworten. Auch ist die Durchführung einer mpMRT der Prostata deutlich aufwändiger als ein MRT des Beckens, so dass eine Abrechnung als MRT des Beckens wirtschaftlich keinen Sinn macht. Zwar kann der Patient einen Antrag auf Kostenerstattung bei der Krankenkasse stellen, jedoch ist dies meiner Erfahrung nach im Rahmen der Primärdiagnostik meist nicht von Erfolg gekrönt. Regelhaft führen wir daher die mpMRT als Selbstzahler-Leistung durch, sprich als Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL-Leistung)“, stellt Baur fest.

Vorgaben der aktuellen S3-Leitlinie

Laut aktueller S3-Leitlinie sollen in der mpMRT detektierte suspekte Läsionen gezielt biopsiert werden. Es wird jedoch auch darauf verwiesen, dass ein unauffälliges mpMRT ein Restrisiko für das Vorliegen eines klinisch signifikanten Prostatakarzinoms birgt. Daher sollte auch bei negativem mpMRT eine systematische Biopsie erfolgen.

„Findet der Radiologe also nichts Verdächtiges in der mpMRT, müssen die Patienten bei strikter Befolgung der Leitlinie eine systematische Biopsie über sich ergehen lassen. Auch wenn vielversprechende Studien bereits in eine andere Richtung deuten“, betont der Facharzt für Radiologie. „Dies ist angesichts des Risikos von Komplikationen, insbesondere Infektionen bei Biopsien durch den Darm, bedauerlich.“

Was sich in einer Novellierung ändern müsste

„Ich bin überzeugt, dass in naher Zukunft in der S3-Leitlinie aus der Kann- eine Soll-Empfehlung für die mpMRT der Prostata im Rahmen der Primärdiagnostik wird, möglicherweise schon bei der nächsten Novellierung. Dann wird auch die Finanzierung nachziehen müssen. Zwar ist die Erstattung nicht unmittelbar an die Leitlinie geknüpft, die beteiligten Akteure werden aber Druck bekommen, eine einheitliche Regelung zu erarbeiten, so dass alle Patienten unabhängig von ihrem Versicherungsstatus von der mpMRT der Prostata profitieren können“, ist Baur überzeugt.

In diesem Zusammenhang müsse laut Baur auch diskutiert werden, welche Voraussetzungen Radiologen mitbringen müssen, um eine mpMRT durchführen und abrechnen zu können. „Die Q1/Q2-Spezialzertifizierungender Deutschen Röntgengesellschaft bescheinigen Radiologen, dass sie die Befähigung haben, die mpMRT der Prostata auf dem geforderten Niveau durchzuführen und auszuwerten – das ist aber momentan nicht an eine Erlaubnis zur Abrechnung gekoppelt“, sagt Baur. „Meines Erachtens macht es Sinn, die Abrechnungsgenehmigung der mpMRT der Prostata an die Einhaltung gewisser Qualitätsstandards bei der Durchführung und an die Qualifikation der durchführenden Radiologen zu knüpfen.“

Ein weiterer Punkt, der laut Baur geklärt werden muss, ist die Vergütung der Biopsie, wenn die mpMRT eine verdächtige Läsion zeigt. Diese ist mit verschiedenen Verfahren möglich: Bei der kognitiven Fusionsbiopsie wird eine konventionelle TRUS-Biopsie unter Zuhilfenahme des mpMRT-Befundes durchgeführt. Um jedoch kleinste Läsionen mit möglichst großer Genauigkeit zu detektieren, ist die computergestützte Fusionsbiopsie, bei der während der Biopsie angefertigte Ultraschallbilder mit den Aufnahmen der mpMRT in Echtzeit überlagert werden, das überlegene Verfahren.

Hierbei kommen allerdings Hightech-Geräte und ein Team von Fachärzten und MTAs aus Radiologie und Urologie zum Einsatz. „Das setzt im Grunde voraus, dass die computergestützte Fusionsbiopsie besonders vergütet wird, es sich also für den Urologen lohnt, diese Geräte anzuschaffen und einen solchen Eingriff durchzuführen. Das ist bislang aber nicht der Fall“, stellt Baur abschließend fest.

 

 

Profil:

Alexander Baur studierte zwischen 2003 und 2009 Humanmedizin an der Universität zu Köln sowie in Bern, London und Boston. Seine radiologische Facharztausbildung schloss er 2016 an der Klinik für Radiologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin ab. Dort war er zwischen 2016 und2019 als Funktionsoberarzt tätig. Baur habilitierte 2018 und bekam die Venia legendi für das Fach Radiologie durch die Charité – Universitätsmedizin Berlin verliehen. 2019 erhielt er die Spezialzertifizierungen der Deutschen Röntgengesellschaft für mpMRT der Prostata (Q1 + Q2). Seit 2019 ist Baur Geschäftsführer bei der Conradia Radiologie Berlin.

 

 

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