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Multiparametrische MRT

Mehr Qualität: Zertifizierungen der MR-Prostatographie

In der Ausgabe 9/2018 berichtete VISIONupdate über den Hype, den die multiparametrische MRT in der Prostatadiagnostik ausgelöst hat sowie über die schwankende Bildqualität, mit der das Verfahren belastet war. Um Abhilfe zu schaffen, hat die AG Uroradiologie und Urogenitaldiagnostik in der DRG kürzlich die Spezialzertifizierungen Q1 und Q2 eingeführt. Wir sprachen mit Privatdozent Dr. Matthias Röthke, Leiter der AG Uroradiologie, über die Qualitätsstandards bei der Bildgebung der Prostata.

Herr Dr. Röthke, in den vergangenen Jahren hat der Stellenwert der multiparametrischen MRT bei der Diagnose von Prostatakarzinomen enorm zugelegt. Warum?

Die mpMRT – oder auch MR-Prostatographie genannt – gehört zu den am besten evaluierten diagnostischen MRT-Verfahren. Mehrere großangelegte multizentrische Studien, die u.a. in renommierten Zeitschriften wie Lancet oder New England Journal of Medicine (NEJM) erschienen sind, haben klar belegt, dass dieses Verfahren einen Mehrwert für die Detektion von Prostatakarzinomen erbringt. Das zeigt, dass Radiologen durch eine weltweite konzertierte Aktion auf höchstem Niveau mit der Durchsetzung einer neuen Methode Erfolg haben können.

So ist im März ein wichtiger Durchbruch auf der europäischen urologischen Fachtagung in Barcelona (EAU 2019) gelungen, indem die Prostata-MRT in die Empfehlungen der europäischen Fachgesellschaften aufgenommen wurde.

In Deutschland empfiehlt die aktuelle Interdisziplinäre S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms die Durchführung und Beurteilung einer multiparametrischen MRT der Prostata entsprechend den aktuellen Qualitätsstandards.

Welche Vorteile hat die multiparametrische MRT bei der Diagnose von Prostatakrebs?

Die MR-Prostatographie kann kleine abklärungswürdige Herdbefunde früher und besser lokalisieren, die im Anschluss gezielter biopsiert werden können. Dadurch vermeiden wir mindestens ein Drittel unnötiger Biopsien. Der Patient wird demnach nicht überdiagnostiziert und nicht übertherapiert. Zudem erzielen wir eine höhere Genauigkeit, d.h. die Anzahl falsch-negativer Befunde wird gesenkt. Die mpMRT weist einen sehr hohen negativen prädiktiven Wert von bis zu 95 Prozent auf.

Darüber hinaus wurde inzwischen in gesundheitsökonomischen Untersuchungen in den USA und der EU festgestellt, dass es kosteneffizient ist, zunächst eine MR-Prostatographie durchzuführen, und nur bei einem auffälligen Fund zu biopsieren.

Leider bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen diese Leistung trotz der erdrückenden Studienlage aktuell nicht. Hier wäre eine positive Beurteilung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss sowie die Klärung der Erstattungsfrage seitens der Kassen wirklich wünschenswert.

Stellt die MR-Prostatographie besondere Anforderungen an den Radiologen?

Für die Befundung einer MR-Prostatographie gilt das, was auch für andere radiologische Spezialuntersuchungen wie beispielsweise die Kardio-MRT wichtig ist: Es bedarf einer guten Schulung und regelmäßiger Übung. Um sicherzustellen, dass fachliche und technische Qualitätsstandards eingehalten werden, haben wir in der AG Uroradiologie ein spezielles Zertifizierungssystem eingeführt.

Wie verläuft die Zertifizierung? 

Wir bieten Q1- und Q2-Zertifikate an, die der Radiologe nach Erlangung des Facharztes beantragen kann:  Ziel des Q1-Zertifikats ist die Basis-Qualifizierung in der MR-Prostatographie.  Es richtet sich vor allem an niedergelassene Radiologen, die vorwiegend diagnostische MRT bei der Prostata durchführen wollen. Die Qualifizierung kann im Rahmen der Weiterbildung beginnen, die Antragstellung ist jedoch erst nach erfolgreicher Facharztprüfung möglich. Für die Erlangung des Zertifikats wird vorausgesetzt: das Sammeln von 10 CME-Punkten, bzw. 10 Unterrichtseinheiten von je 45 Minuten aus Fortbildungen mit Schwerpunkt Bildgebung und Behandlung des Prostatakarzinoms sowie der Nachweis von mindestens 50 Untersuchungen.

Das Q2-Zertifikat qualifiziert für eine spezialisierte, eigenverantwortliche Tätigkeit. Es ist vor allem für Kollegen gedacht, die an großen Zentren arbeiten und dort mit Biopsieplanung, Staging, posttherapeutischen Kontrollen sowie Rezidivdiagnostik beschäftigt sind. Voraussetzungen zur Erlangung dieses Zertifikats sind unter anderem der Nachweis über 500 durchgeführte und dokumentierte mpMRT-Untersuchungen, 50 histologisch gesicherte PCAs sowie die Teilnahme an mindestens jeweils einer Fortbildungsveranstaltung über mpMRT, MR-basierte gezielte Biopsien und Rezidivdiagnostik der Prostata (Σ > 20 CME-Punkte bzw. 20 Unterrichtseinheiten von je 45 Minuten) aus den drei Jahren vor Antragstellung.

Für beide Zertifikate werden Veranstaltungen der Fachgesellschaften (z.B. DRG, ESUR, ECR, RSNA) sowie von der Akademie für Fort- und Weiterbildung in der Radiologie evaluierte Veranstaltungen wie die "Prostata MRT Hands-On-Workshops" unter der Ägide von netzwerk wissen (www.netzwerk-wissen.com) angerechnet.

Die Einführung des neuen Zertifizierungssystems erfolgt in zwei Phasen: Für die Zeit bis zum 31.07.2020 kann das Q2-Zertifikat ohne vorherigen Erwerb des Q1-Zertifikats direkt beantragt werden. Damit wollen wir schnell eine kritische Masse von Q2-Radiologen ausgebildet sehen, die entsprechenden Zentren dann auch zügig zur Verfügung stehen.

Außerdem wird nach der Übergangsphase bei der Antragstellung verpflichtend die Einreichung anonymisierter Bilddaten zur Qualitätssicherung gefordert. Diese Anträge werden cloudbasiert geprüft und unterliegen klaren Qualitätskriterien hinsichtlich der technischen Durchführung. Die Bilder werden derzeit von acht Q2-zertifizierten Radiologen anhand der geforderten Parameter begutachtet.

Es wäre schön, wenn wir diese Prüfung einer Künstlichen Intelligenz überlassen könnten, da deren Analyse objektiver ist und den Prozess deutlich beschleunigen würde.

Mehr Informationen zu den Zertifizierungen gibt es auf der Website der AG:

https://www.ag-uro.drg.de/de-DE/4285/zertifizierung/

Profil:

PD Dr. med. Dipl.-Kfm. Matthias Röthke studierte Medizin in Erlangen und Freiburg und absolvierte seine Ausbildung zum Facharzt Diagnostische Radiologie am Universitätsklinikum Tübingen. Röthke ist Vorsitzender des Vorstands der AG Uroradiologie und Urogenitaldiagnostik der Deutschen Röntgengesellschaft sowie Ärztlicher Geschäftsführer der Conradia Hamburg MVZ GmbH.

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