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Neue Regelung für die radiologische Praxis

Seit dem 1. Januar 2020 sind niedergelassene Radiologen dazu verpflichtet, jede Untersuchung nach ICD-10 zu verschlüsseln. Ansonsten kann die Vergütung verwehrt werden. Eine nicht nachvollziehbare Entscheidung, die am besten wieder rückgängig gemacht werden sollte, findet Dr. Nicolaus Holzknecht, Facharzt für Radiologie in der Praxis Radiologie Nuklearmedizin Adickesallee in Frankfurt.

ICD-10-Verschlüsselung: Mehr Arbeit für weniger Geld

„Als niedergelassener Radiologe habe ich nur eingeschränkten Zugriff auf die Krankheitsdaten des Patienten. Ich habe lediglich die Informationen, die auf dem Überweisungsschein stehen, im besten Fall ergänzt durch Erläuterungen des Patienten selbst“, erklärt Holzknecht. „Häufig ist die Haupterkrankung aber gar nicht bekannt, und ein Patient wird zum Beispiel mit unspezifischen Bauchschmerzen überwiesen, die durchaus 20 Diagnosen zur Folge haben können.“ All diese zu kodieren wäre für Holzknecht nicht machbar: „Bei einem einfachen Röntgen-Thorax oder einer Aufnahme vom Finger ist die Vergütung für die technische Leistung und die Befundung sehr gering. Der zusätzliche Aufwand für eine ICD-Verschlüsselung stünde gerade vor dem Hintergrund der ständigen Erhöhung der Arbeitslast und der Absenkung der Vergütung in keinem Verhältnis.“ Daher beschränkt er sich auf eine Hauptdiagnose, womit sich die Kassenärztliche Vereinigung (KV) bisher noch zufriedengibt.

Doch was ist das Ziel der neuen Regelung? Holzknecht vermutet, dass es dem Gesetzgeber und der KV um eine umfassende Datenerhebung geht, die Rückschlüsse auf den Grund der Überweisung zulässt. Doch dann müsste eigentlich jede Diagnose verschlüsselt werden. „Ansonsten stellt sich mir die Frage, warum wir überhaupt kodieren müssen. Die Ergebnisse sind wertlos, wenn man nur eine Diagnose übermittelt, da sie zu allgemein gehalten oder fehlinterpretierbar sind.“ Holzknecht wägt daher stets ganz genau ab, welche Diagnosen er kodiert.

Der Praxisalltag wird allerdings schon jetzt durch das Kodieren einer einzigen Diagnose beeinträchtigt. Bisher konnten sich Radiologen noch mit einer sogenannten Ersatzwertkodierung behelfen. Statt eines ICD-10-Schlüssels wurde der Ersatzwert „UUU“ eingetragen. Dadurch reduzierte sich die Anzahl der zu verschlüsselnden Untersuchungen nahezu um die Hälfte. Diese Ersatzwert-Regelung basierte jedoch auf einer mittlerweile veralteten Empfehlungsvereinbarung aus dem Jahr 2002 und wurde nun abgeschafft. Jetzt muss zunächst jeder Überweisungsschein von ICD-10 in Klartext „übersetzt“ werden. „Wir Radiologen kennen natürlich nur die gängigsten Kodes auswendig, alle anderen müssen wir mühsam prüfen“, erklärt Holzknecht. Im Anschluss an die Untersuchung muss die Diagnose dann wieder im Abrechnungssystem verschlüsselt übertragen werden. „Das ist unverhältnismäßig und kostet Zeit, die uns für die Behandlung der Patienten fehlt“, findet der Radiologe. „Der Aufwand für die Kodierung wäre dann noch einmal genau so hoch wie der für die Befundung.“

Aus diesem Grund wünscht sich Holzknecht eine ausführliche Erklärung des Gesetzgebers, warum die neue Regelung in Kraft getreten ist, welche Diagnosen genau kodiert werden sollen, und was mit den erhobenen Daten passiert. Geschieht das nicht, spricht er sich klar für die Abschaffung und für die Rückkehr zur bisherigen Vorgehensweise aus. In seinen Augen sei es nicht der letzte Schritt, nur eine Diagnose anzufordern. „Man kann es sich einfach machen und den Kode für eine allgemeine Veränderung einer Extremität verwenden, aber auch für jedes Gelenk 100 verschiedene Diagnosen angeben. Der Genauigkeit sind da keine Grenzen gesetzt. Und bei nur einer Diagnose bleibt die Genauigkeit einfach auf der Strecke.“

Bisher droht die KV nur mit der Streichung des Entgelts, wenn die Kodierung nicht erfolgt ist. Ob die Androhung wahr gemacht wird, wird sich erst nach Ende des ersten Quartals zeigen.

Profil:

Dr. Nicolaus Holzknecht ist Gesellschafter der Praxis Radiologie und Nuklearmedizin Adickesallee in Frankfurt am Main. Der gebürtige Hamburger hat ebenfalls in Hamburg Medizin studiert und seine Facharztausbildung in München absolviert. Holzknechts Schwerpunkt liegt in der MRT- und CT-Schnittbildgebung.

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