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Radiologen und Radiologen - eine Annähnerung

Radiologen in Krankenhäusern neigen dazu, ihre Kollegen in der Niederlassung kritisch zu beurteilen – und auch in der Praxis wird oft mit einem gewissen Argwohn auf die Kollegen geschaut. Dazu besteht kein Grund, sagt Prof. Dr. Stephan Miller, niedergelassener Radiologe in der Radiologischen Gemeinschaftspraxis Tübingen. Vielmehr täten beide Gruppen gut daran, sich mit den Besonderheiten ihrer Kollegen zu befassen, denn beide Seiten können viel voneinander lernen.

„Es gibt leider sehr wenig Berührungspunkte zwischen niedergelassenen Radiologen und ihren Kollegen im Krankenhaus“, sagt Prof. Miller. Als ehemaliger Oberarzt und stellvertretender ärztlicher Direktor an der Uniklinik Tübingen kennt er beide Seiten – sie unterscheiden sich zum Teil erheblich voneinander: „In der ambulanten Versorgung geht es oft um eine erste orientierende Untersuchung, denn meist wissen die behandelnden Ärzte noch nicht, was mit ihrem Patienten nicht stimmt. Für den Radiologen in der Klinik ist die Richtung oft bereits vorgegeben – aus einem zuerst unklaren Oberbauchschmerz wird beispielsweise ein Verdacht auf Pankreaskarzinom. Vor diesem neuen Hintergrund erfolgt die Untersuchung dann natürlich gezielter.“

Dieser unterschiedliche Erfahrungshintergrund in der Radiologie sorgt für Missverständnisse: „Klinik-Radiologen, die in ihrer späteren Berufslaufbahn in die Niederlassung wechseln, erhalten da ganz neue Einblicke und entwickeln mehr Verständnis für den niedergelassenen Bereich.“ Insofern ist das Wissen um die Abläufe des jeweils anderen wichtig für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, ist der Radiologe überzeugt.

Masse statt Klasse? Nicht unbedingt

Was den Durchsatz an Patienten angeht, hat der niedergelassene Radiologe in den allermeisten Fällen die Nase vorn. Ein ruhiges Leben führen aber auch Klinikradiologen nicht: „Wer an einer Klinik eine große Tumorkonferenz bestritten hat, in der z.B. 15 komplexe onkologische Fälle interdisziplinär aufgearbeitet wurden, der hat sein Tagewerk definitiv getan“, so Miller. Auf der anderen Seite bekommen es Radiologen in der Praxis mit Krankheitsbildern zu tun, die im Klinikspektrum gar nicht vorkommen, etwa im muskuloskelettalen Bereich, der Neurologie oder in der Thoraxradiologie.

Weil beide Felder so unterschiedlich sind, gibt es viel voneinander zu lernen. Dieser Idee hat sich das vor zwei Jahren gegründete Forum Niedergelassener Radiologen in der DRG (FuNRad) verschrieben, dessen Vorsitzender Prof. Miller ist. Die Plattform (www.funrad.drg.de) macht sich für die Vernetzung niedergelassener Radiologen mit ihren Kollegen in der Klinik stark: „Jüngeren Kollegen oder Fachärzten aus der Klinik fehlt häufig ein ganz wesentlicher Teil ihres Fachs: die ambulante Radiologie.“ Über Rotationen und Fortbildungen soll diese Lücke nun geschlossen werden.

Den Gedanken des Austauschs will FnNRad auch auf Veranstaltungen tragen, die traditionell stärker auf den Klinikbereich fokussiert sind, wie z. B. den Deutschen Röntgenkongress.. „Das niedergelassene Spektrum ist sehr groß. Dieses breite Wissen möchten wir auch den Fachärzten in der Klinik nahebringen“, sagt Miller.

Das Forschungsfeld liegt brach

Vielfalt und Vielzahl der Fälle, mit denen es die niedergelassenen Kollegen zu tun bekommen, böten sich geradezu für die Forschung an. Doch leider liegt dieses Potenzial brach, bedauert der FuNRad-Vorsitzende. „Der Bedarf an gemeinsamen Studien ist sowohl wirtschaftlich wie medizinisch eindeutig gegeben.“ Hemmschuh ist – wie so oft – die Finanzierung, denn die großen Fördertöpfe stehen meist nur den spezialisierten Zentren zur Verfügung.

Einige Länder gehen dieses Problem längst an: In England und den USA laufen entsprechende Studien, z.B. zur Wirtschaftlichkeit von MRT-Untersuchungen des Knies oder Kosteneffektivität der Kardio-CT. Auch in Deutschland soll es in dieser Beziehung vorangehen. „Zwar ist die Auslastung im niedergelassenen Bereich hoch, allerdings sind inzwischen viele wissenschaftlich erfahrene und habilitierte Radiologen in Praxen tätig, so dass man Forschungsprojekte beispielsweise im Rahmen von Promotionsarbeiten angehen könnte“, schlägt Miller vor.

Der Radiologe ist entscheidend, nicht die Maschine

Qualitativ gibt es zwischen den Aufnahmen von niedergelassenen und Klinikradiologen kaum noch Unterschiede, dafür sorgen einheitliche Leitlinien, Empfehlungen und Protokolle, die von den Arbeitsgemeinschaften der DRG, internationalen Fachgesellschaften und auch vom Berufsverband BDR vorgelegt werden. „Dort können Aufnahmen zur Überprüfung eingeschickt werden, so dass alle teilnehmenden Institutionen – Kliniken wie Praxen - die gleichen Qualitätsstandards haben“, erklärt Miller. Unterschiede gibt es allenfalls in der apparativen Ausstattung, wobei kostspielige High-End-Geräte keineswegs nur in den (Uni-)Kliniken zu finden sind.

Überhaupt ist der technische Stand des Geräteparks heute nicht mehr der entscheidende Faktor, betont der Experte abschließend: „Wichtig ist, wer hinter dem Gerät sitzt. Mittlerweile gibt es in den Praxen so viele universitär erfahrene, hochqualifizierte Radiologen, dass in dieser Hinsicht kein Mangel besteht.“ So unterschiedlich die Abläufe in Praxis und Klinik auch sind: Radiologen, die beide Welten kennen, sind klar im Vorteil. Sie wissen, worauf es für den Kollegen auf der „anderen Seite“ ankommt und schaffen so die Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Profil:

Prof. Dr. Stephan Miller ist Facharzt für Radiologie und seit 2010 niedergelassener Radiologe in Tübingen. Nach seinem Medizinstudium an der Universität Tübingen und University of California, San Francisco, war er klinisch und wissenschaftlich in der diagnostischen und interventionellen Radiologie der Universität Tübingen und Northwestern University, Chicago, tätig. Als international ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der kardiovaskulären MR-Bildgebung war er unter anderem Gründungsmitglied und über 10 Jahre im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Herz- und Gefäßdiagnostik der DRG. Prof. Miller rief 2017 zusammen mit Kollegen das Forum Niedergelassener Radiologen in der DRG (FuNRad) ins Leben, eine Plattform für den Erfahrungsaustausch zwischen Radiologen in der Klinik und in der Niederlassung.

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