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Röntgen - gekommen, um zu bleiben

Brauchen wir das konventionelle Röntgen noch?

Quo vadis, Radiologie, fragt der Deutsche Röntgenkongress, der vom 29. Mai bis 1. Juni in Leipzig stattfindet: Werden wir 2025 noch konventionelle Röntgendiagnostik brauchen? Vier unterschiedliche radiologische Leistungserbringer – der Direktor eines Universitätsinstituts, der Chefarzt eines Krankenhauses, ein niedergelassener und ein im Krankenhaus tätiger niedergelassener Radiologe – diskutieren in einer Vortragsreihe die Zukunft des klassischen Röntgens. Dr. Rudolf Conrad vertritt als Facharzt für Diagnostische Radiologie und geschäftsführender Gesellschafter der Gemeinschaftspraxis Diagnosticum Bayern Mitte in Ingolstadt in dieser Debatte die Sicht der niedergelassenen Radiologen. Sein Statement lautet: Auch in Zukunft hat das Röntgen einen festen Platz im Krankenhaus und in der Niederlassung. Angesichts hochinnovativer Schnittbildverfahren mit immer größerem Potential ist das Vertrauen in ein scheinbar veraltetes Verfahren überraschend – allerdings nur auf den ersten Blick.

Unbestreitbar verzichten inzwischen immer mehr niedergelassene Praxen vor allem aus Kostengründen auf das konventionelle Röntgen. Doch der Radiologe ist überzeugt: „Solange es keine Alternative gibt, die genauso schnell und preiswert ist, werden wir in der Niederlassung um das klassische Röntgen in großen radiologischen Praxen weiterhin nicht herumkommen. Das belegen Zahlen, die das Bundesamt für Strahlenschutz vor Kurzem für Kliniken erhoben hat und entspricht auch unserer eigenen Erfahrung.  In den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl der Röntgenuntersuchungen nur gering gefallen.“

Doch das Röntgen rentiert sich nicht für jede Praxis, räumt der Experte ein: „Grundsätzlich ist eine bestimmte Zahl an Untersuchungen nötig, damit sich die Investition und der Betrieb einer Röntgenanlage lohnt.“ Während die Untersuchungen in einigen Praxen aufgrund des geringen Patientenaufkommens ein Verlustgeschäft ist, ist der Bedarf in anderen Niederlassungen deutlich höher. Bei Investition in eine moderne digitale Röntgenanlage sollten für ein wirtschaftliches Betreiben der Anlage mindestens 15 Patienten pro Tag untersucht werden. Die Gemeinschaftspraxis Diagnosticum Bayern Mitte, in der Conrad Geschäftsführender Gesellschafter ist, bringt es inklusive der verbundenen Krankenhäuser an 6 Standorten pro Jahr auf etwa 35.000 Röntgenuntersuchungen. „Das ist ausreichend, um zumindest eine schwarze Null zu schreiben.“

Bei künstlichen Gelenken und im Notfall weiterhin das ‚go-to‘-Verfahren

Momentan ist das Röntgen bei der Untersuchung künstlicher Gelenke und weiterer Implantate aus Metall praktisch konkurrenzlos. „Mit keiner anderen Methode lässt sich so schnell und kostengünstig nachweisen, ob ein künstliches Gelenk richtig sitzt. Auch für Verlaufskontrollen bei dieser Patientengruppe können wir auf das Röntgen nicht verzichten.“

Ein weiterer wichtiger Einsatzbereich ist die Notfalldiagnostik. Wegen seiner hohen Untersuchungsgeschwindigkeit spielt das klassische Röntgen dort nach wie vor eine essenzielle Rolle. Im Krankenhaus wird die konventionelle Radiologie daher zweifellos bestehen bleiben, denn für akute Fälle, zum Beispiel die Frakturdiagnostik, ist sie unverzichtbar. Weil aber immer mehr niedergelassene Radiologen argumentieren, dass das Röntgen zu schlecht vergütet wird und zu viel wertvolle Zeit in Anspruch nimmt, besteht die Gefahr, dass der Umgang mit dem Verfahren nicht flächendeckend gesichert ist. Conrad: „Wenn in den Krankenhäusern der radiologische Nachwuchs mit einer fundierten Röntgenausbildung fehlt, sieht es auch für die Praxis schlecht aus.“

Im Zweifel CT? Lieber nicht!

Als massentaugliche Alternative gilt bisweilen die Computertomographie, doch davon rät Conrad dringend ab: „Ein schneller CT-Scan für jedermann wäre aus heutiger Sicht eine Katastrophe. Würde man alle Röntgenuntersuchungen ins CT verlagern, wäre das eine sehr ungute Entwicklung für die mittlere effektive Dosis pro Einwohner und Jahr. Die ohnehin schon bedenkliche medizinische Strahlenbelastung für Patienten würde sich im schlimmsten Fall verdoppeln und somit kritische Ausmaße annehmen. Diesem Problem kann nur die Weiterentwicklung der Geräte mit einer deutlichen Dosisreduktion z.B. mit Hilfe von künstlicher Intelligenz helfen.“

Bereits heute geht der Trend in die Richtung, im Zweifelsfall eine CT-Aufnahme anzufertigen. „Oft ist das notwendig, zum Beispiel in der Traumadiagnostik. Wenn ein Patient angibt, Schmerzen zu haben, auf der Röntgenaufnahme dafür aber kein Grund erkennbar ist, ist eine weitere Diagnostik z.B. mit einer CT indiziert. Dennoch, die dezidierte Kenntnis des Röntgenverfahrens ist beispielsweise in der Onkologie bei Knochentumoren ein wenig verloren gegangen, da der Patient dort sowieso ein CT oder Magnetresonanztomographie (MRT) bekommt.“

Als potenzielle Ablösung für das konventionelle Röntgen sieht Conrad die – zumindest teilweise – Übernahme von Untersuchungen durch die MRT: „Derzeit sprechen allerdings noch die längere Untersuchungsdauer und der höhere Kostenfaktor dagegen.“ Das konventionelle Röntgen, so das Fazit des Radiologen, wird uns also erhalten bleiben – „wahrscheinlich noch länger, als wir denken“.

BU:
Bei der Untersuchung künstlicher Gelenke und weiterer Implantate aus Metall ist das konventionelle Röntgen nach wie vor das Mittel der Wahl.

Profil:

Dr. med. Rudolf Conrad ist Facharzt für Diagnostische Radiologie und geschäftsführender Gesellschafter der Gemeinschaftspraxis Diagnosticum Bayern Mitte in Ingolstadt. Seine Ausbildung zum Radiologen absolvierte er in München-Schwabing und in der Universitätsklinik Bonn. In die Niederlassung ging er 2001 in die überörtlichen Gemeinschaftspraxis Diagnosticum Bayern Mitte, wo er seit 2005 als geschäftsführender Gesellschafter tätig ist.

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