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Sektorübergreifende Vernetzung von Radiologie und Pathologie

Es sind die beiden Querschnittsdisziplinen Radiologie und Pathologie, die wesentliche Informationen zur Diagnostik von Tumoren beitragen. Seit jeher ist die Pathologie durch die Verifikation von Befunden der Lehrmeister der Radiologie. Umgekehrt kann aber auch die Pathologie von radiologischen Informationen profitieren, vor allem mit Blick auf die zunehmende Digitalisierung. Es ist daher nicht erstaunlich, dass Prof. Dr. Timm Denecke, Leiter der Klinik und Poliklinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Leipzig, die beiden Fächer enger vernetzen möchte: und zwar auf Personal-, Befund- und Bilddatenebene. „Ansätze dafür, wie man Informationen bündeln und abgleichen kann, sind bereits vorhanden. Das reicht vom interkollegialen Telefonat bis hin zu Tumorboards und Krankenhausinformationssystemen, die uns die Befunde zur Verfügung stellen. Leider sind diese Prozesse noch relativ umständlich und das Verständnis für die Arbeitsweise der jeweils anderen Fachdisziplin, insbesondere hinsichtlich der Digitalisierung von Befund- und Bilddaten, ist noch recht limitiert.“

Verständnis für die andere Fachdisziplin stärkt Informationsfluss

Um die Zusammenarbeit effektiver zu gestalten, hält Denecke es für sehr wichtig, ein gegenseitiges Verständnis für die Aussagegenauigkeit des Bildmaterials zu entwickeln. „Versteht der Radiologe, an welchem Punkt in der Pathologie – die ja oft letzte Instanz bei der Diagnostik ist – Unsicherheiten oder Unschärfen auftreten können, kann er besser einschätzen, wie er mit einer ex ante Information dem Kollegen helfen kann, eine fundierte Entscheidung zu treffen“, erklärt der Mediziner. Zertifizierte Tumorboards stellen an sich einen wirkungsvollen Weg dar, Austausch zu fördern, denn in diesen Konferenzen sind sowohl Radiologie als auch Pathologie vertreten. In der Praxis kann dieser Anspruch nicht immer gelebt werden, da der zeitliche Rahmen eng ist. Im Einzelfall ist es jedoch wünschenswert, dass Radiologen und Pathologen in ausführlicher, direkter Kommunikation stehen, um Diskrepanzen aufzuklären. „Falls beispielsweise differenzialdiagnostisch die Frage im Raum steht, ob es sich um eine Metastase oder einen zweiten Tumor handelt, kann der Pathologe davon profitieren, wenn er die Wertung auch verbalisiert vom Radiologen bekommt, nicht nur verklausuliert in einem schriftlichen Befund“, so Denecke. Findet der direkte Austausch nicht in der notwendigen Tiefe statt, können falsche Schlussfolgerungen die Folge sein.
 

Gegenseitige Validierung gibt Sicherheit

Ähnlich wie in der Radiologie gibt es Unschärfen auch in der pathologischen Diagnostik. Ungenauigkeiten betreffen hier häufig ähnliche Punkte, wie beispielsweise seltene Tumoren, die schwer zu klassifizieren sind. Denecke führt als Beispiel die Historie der neuroendokrinen Tumoren an: „Es fällt auf, dass sie, zum Teil bis heute, manchmal verkannt werden, und so möglicherweise ein inadäquater Behandlungspfad eingeschlagen wird. Hier kann das radiologische Bild helfen, Diskrepanzen aufzudecken, weil beispielsweise bei der Kontrastmitteluntersuchung Perfusionsmarker auffällig geworden sind, die einfach nicht zur pathologischen Diagnose passen.“ Für den klinischen Kollegen ist daher die gegenseitige Validierung von radiologischen und pathologischen Verdachtsdiagnosen von zentraler Bedeutung, zumal pathologische Befunde oft von zuweisenden Instituten kommen, deren Arbeitsabläufe unvertraut sind und deren Schnitte dem Board-Pathologen normalerweise nicht vorliegen.
 

Austausch durch Weiterbildung, wissenschaftliche Kooperationsprojekte und IT

Um Verständnis für die Arbeitsweise und Konfidenz in die Aussagekraft der Befunde der jeweils fremden Fachdisziplin zu stärken, sind laut Denecke gegenseitige kurze Hospitationen im Rahmen der Weiterbildung wünschenswert: Abgesehen von der Ausbildung stuft der Mediziner wissenschaftliche Kooperationsprojekte als entscheidend ein, denn „oft wird retrospektiv durch systematische Datenanalysen einiges klar, weil eine neue Lernkurve eingetreten ist und die gegenseitige diagnostische Schärfe verbessert wurde.“ Leider ist auch hier Zeitmangel ein kritischer Faktor, schränkt Denecke ein: „Im Arbeitsalltag bleibt oft nicht genug Zeit, um solche retrospektiven Abgleiche durchzuführen.“ Hier setzen die Möglichkeiten der Informationstechnologie (IT) an. Dank deckungsgleicher strukturierter Befundung für Radiologie und Pathologie, der Metadatenvernetzung und der Verkoppelung der Befundungssysteme können digitale Feedbackschleifen geschaffen werden. „Die IT ermöglicht dem Pathologen beispielsweise, ex ante entscheidende Schichten mit der Tumorlokalisation zu präsentieren, was Prozessoptimierung und -verkürzung sowie einen eindeutigen Läsionsabgleich für den Pathologen bedeutet. Der Radiologe wiederum erhält automatisiert zu einem Patienten, mit dem er als Befunder oder demonstrierender Radiologe in einem Tumorboard beschäftigt war, ex post den fertigen pathologischen Befund“, erläutert Denecke. „So wird die Selbstkontrolle im radiologischen Alltag vereinfacht oder, in Anbetracht unserer zeitlichen Auslastung, überhaupt erst möglich.“
 

Einschränkungen der Digitalisierung der Pathologie

Die Bestrebungen zur Bilddigitalisierung in der Pathologie sieht Denecke methodisch begrenzt: „Anders als bei der Schnittbildgebung der Radiologie, wo die Bilddaten schon immer bereits primär digital und weltweit standardisiert vorliegen und daher in der gesamten Breite für IT, computergestützte Analyse und auch für Ansätze der künstlichen Intelligenz (KI) verfügbar sind, muss man in der Pathologie selektiv vorgehen. Die Pathologie war immer analog bei ihrer Bildbetrachtung und -archivierung und steht jetzt erst vor der Aufgabe, sich zu digitalisieren, damit computergestützte Auswertungsalgorithmen überhaupt greifen können. Hält man sich vor Augen, dass die Dauer für einen hochaufgelösten und vergrößerten Scan eines Schnittes bei einigen Minuten liegt – und die Pathologie eines Krankenhauses produziert davon Hunderte am Tag – wird deutlich, dass die umfängliche Digitalisierung der Pathologie mit der heutigen Infrastruktur nicht realisierbar ist beziehungsweise auf wenige Anwendungsbereiche und einzelne dedizierte Fragestellungen beschränkt bleibt.“ Prozesse, die solche Schichtstapel gar in 3D-Bilder wandeln, sind technisch sehr aufwendig, weil jede einzelne Schicht entsprechend angefertigt, eingescannt und registriert werden muss. „Ihre Relevanz beschränkt sich daher auf wenige Indikationen, wie beispielsweise den Abgleich einer resezierten Prostata mit den entsprechenden MRT-Bildern. Dies hat derzeit rein wissenschaftlichen Charakter, da die Relevanz von histologischen 3D-Bildern für die klinische Praxis weitgehend fehlt. Ein anderer Weg ist, vereinfachte digitale Abbilder von repräsentativen Ausschnitten der pathologischen Schnitte zu generieren und sie dem KI-gestützten Abgleich mit radiologischen Bilddaten, zum Beispiel vom selben Tumor, zuzuführen, um so neue korrelative Biomarker zu finden und zu verifizieren. Aber selbst bei dieser Anwendung sind die praktischen Herausforderungen so groß, dass sie in näherer Zukunft auf einzelne, durchaus sehr spannende Forschungsprojekte limitiert bleibt“, sagt Denecke. Hieraus und mit der fortschreitenden technischen Entwicklung werden sich längerfristig mit großer Sicherheit Einsatzgebiete für die digitale Pathologie und damit auch für die Vernetzung mit der Radiologie auf Bilddatenebene erschließen.
 

Profil

Prof. Dr. Timm Denecke ist Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Leipzig. Denecke studierte Humanmedizin in Leipzig und Berlin und erwarb 2008 seinen Facharzt für Radiologie und 2015 den Facharzt für Nuklearmedizin. Von 2013 – 2019 war er als Leitender Oberarzt an der Klinik für Radiologie am Campus Virchow-Klinik, Charité, tätig und folgte im Frühjahr 2019 dem Ruf nach Leipzig. Deneckes wissenschaftliches Interesse gilt den radiologischen Schnittstellen zur Chirurgie und Onkologie (Leber/Pankreas; neuroendokrine Tumore, Transplantation). 

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