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Senkung der Umsatzsteuersätze für ein halbes Jahr

Die Bundesregierung hat zur Bewältigung der Corona-Krise im Konjunkturpaket die zeitlich befristete Absenkung der Umsatzsteuersätze in der Zeit vom 1. Juli 2020 bis zum 31.Dezember 2020 beschlossen. Der bisherige Regelsteuersatz von 19 % wurde auf 16 %, der ermäßigte Steuersatz von 7 % auf 5 % gesenkt.

 

Die Senkung der Umsatzsteuersätze ist dabei auch für solche Unternehmen von Bedeutung, die in der Regel steuerfreie Leistungen erbringen wie z. B. Heilbehandlungen. 
Von der praktischen Seite betrachtet, ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig, dass die Umsatzsteuer erst dann entsteht, wenn die Lieferung oder Leistung erbracht wird, unabhängig von der Rechnungstellung oder der Zahlung der Rechnung (Ausnahme Anzahlungen). Die reduzierten Steuersätze gelten also nur für die in der Zeit vom 1. Juli 2020 bis zum 31. Dezember 2020 erbrachten Lieferungen und Leistungen.
VISIONupdate sprach mit dem Steuerberater, Lars Pfeifer von der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungskanzlei Albert & Pfeifer aus Kelkheim über die Auswirkungen der Steuersenkungen auf Arztpraxen.  

VISIONupdate: Welche Leistungen sind im Rahmen der ärztlichen Tätigkeit von der neuen Regelung betroffen?

Lars Pfeifer: In der Regel sind ärztliche Leistungen umsatzsteuerfrei. Es gibt jedoch auch solche, die der Umsatzsteuer unterliegen, z.B. kosmetische Behandlungen, gewisse Gutachtertätigkeiten, Vorträge, aber auch die Gestellung von Personal oder die Überlassung von Geräten (außer im Rahmen eines MVZ). Umsatzsteuerpflichtige Leistungen, die im zweiten Halbjahr 2020 erbracht werden, unterliegen dem Umsatzsteuersatz von 16 %, sofern die Praxis kein Kleinunternehmer für Zwecke der Umsatzsteuer ist.

Ich bin Arzt und kein umsatzsteuerlicher Unternehmer, sind diese Änderungen für mich dann relevant?

Auch Ärzte beziehen Leistungen, die der Umsatzsteuer unterliegen, wie z.B. Praxis- und Büromaterial, Beratungsleistungen, Strom und Gas, Leasing oder die Wartung von Geräten. Da der Arzt, der nur steuerfreie Leistungen ausführt, in der Regel nicht vorsteuerabzugberechtigt ist, führt die Senkung der Umsatzsteuersätze zur Reduzierung seiner Aufwendungen, wenn es sich bei dem Vertrag mit dem Lieferanten um eine Nettovereinbarung (Vereinbarung eines Preises zzgl. der gesetzlichen Mehrwertsteuer) handelt und die Leistung im 2. Halbjahr erbracht wird. Für eine Vielzahl von bezogenen Lieferungen und Leistungen sollten sich daher im Zeitraum Juli bis Dezember Kostenersparnisse ergeben.

Wie sieht es mit Auswirkungen im Bereich der Investitionen aus?

Bei der bereits genannten Nettovereinbarung wirkt sich die Steuersatzsenkung auch auf Investitionen von Praxisgeräten aus. Bei nicht vorsteuerabzugsfähigen Unternehmen reduzieren sich dadurch die Anschaffungskosten des Gerätes.

Beispiel: Ein nicht vorsteuerabzugsberechtigter Arzt erwirbt mit Vertrag vom 30. Mai 2020 ein Röntgengerät zum Preis von Euro 100.000,00 zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer (Nettovereinbarung).

  • Die Lieferung des Gerätes erfolgt am 29. Juni 2020, womit die Leistung auch an diesem Tag erbracht ist. Der dann gültige Steuersatz beträgt 19 %. Für den Arzt entstehen damit Anschaffungskosten für das Röntgengerät in Höhe von Euro 119.000,00.
  • Erfolgt die Lieferung des Gerätes erst am 2. Juli 2020, gilt für die an diesem Tag erbrachte Leistung bereits der reduzierte Steuersatz von 16 %. Die Anschaffungskosten für das Röntgengerät betragen dann Euro 116.000,00.

Wird die die Lieferung nach dem 31.Dezember 2020 erfolgen, unterliegt sie wieder dem Steuersatz von 19 %.

Ich habe bereits eine Anzahlung geleistet, ergeben sich hier Änderungen?

Wurden Anzahlungen zuzüglich Umsatzsteuer geleistet, werden diese, egal welcher Steuersatz bei der Anzahlung zur Anwendung kam, auf die Schlussrechnung angerechnet. Diese weist den Steuersatz aus, der zum Zeitpunkt der Leistungserbringung Gültigkeit hat.

Ein  Beispiel: Für die Anschaffung eines Röntgengerätes in Höhe von insgesamt Euro 100.000,00 zuzüglich gesetzlicher Umsatzsteuer wird im April eine Anzahlung von Euro 50.000,00 zuzüglich 19 % Umsatzsteuer (= Euro 9.500,00) geleistet. Die Lieferung des Röntgengerätes erfolgte Ende Juli 2020. Die entsprechende Rechnung lautet:

                                            Röntgengerät netto                             100.000,00 Euro

                                            Umsatzsteuer 16 %                               16.000,00 Euro

                                            Gesamt                                                116.000,00 Euro

                                            Abzüglich Anzahlung                             59.500,00 Euro

                                            Restzahlung                                           56.500,00 Euro

Bereits erstellte Anzahlungsrechnungen müssen nicht geändert werden. Die Anpassung der Umsatzsteuer erfolgt in der Schlussrechnung.

Was gilt für langfristige Verträge (Dauerleistungen)?

Unter einer Dauerleistung versteht man Miet-, Wartungs- Leasing- oder Beratungsverträge. Zwar läuft der Vertrag über einen längeren Zeitraum, es wird jedoch vereinbart, dass der Leistungszeitraum beispielsweise einen Monat beträgt. Mieten oder Leasinggebühren werden daher mit Ablauf des vereinbarten Leistungszeitraums erbracht. Für diese Art Verträge ist jeweils der Steuersatz anzuwenden, der zum Ende des Monats gilt. Wenn Sie ein Gerät für netto 500,00 Euro zuzüglich gesetzlicher Umsatzsteuer mieten oder leasen, beträgt die Umsatzsteuer bis einschließlich Juni 2020 Euro 95,00 (19 % UST) und für die Leistungszeiträume Juli bis Dezember 2020 Euro 80,00 (16 % UST)

Worauf muss bei einer Rechnung geachtet werden?

Auf der Rechnung sollte der Zeitpunkt der Leistungserbringung vermerkt sein. Davon ist abhängig, welcher Steuersatz auf der Rechnung zu verwenden ist. Wird die Leistung vor dem 1. Juli 2020 oder nach dem 31. Dezember 2020 erbracht, gelten die Steuersätze von 19 % bzw. 7 %. Für in dem Zeitraum vom 1. Juli 2020 bis zum 31. Dezember 2020 erbrachte Leistungen gelten die Steuersätze von 16 % bzw. 5 %. Wir empfehlen daher die laufende Kontrolle aller Rechnungen, damit eventuell anfallende Kostenersparnisse nicht übersehen werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Im Profil

Diplom-Kaufmann Lars Pfeifer ist Steuerberater und seit 2017 Gesellschafter der Albert & Pfeifer Partnerschaftsgesellschaft mbB. Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen in der betriebswirtschaftlichen und steuerlichen Beratung von Ärzten und Zahnärzten sowie von mittelständischen Unternehmen und deren Anteilseignern. Nach Abschluss seines BWL-Studiums in Frankfurt war Herr Pfeifer als Steuerberater in Stuttgart und Frankfurt tätig, bevor er eine Zusammenarbeit mit Gerd Albert in Kelkheim begann. 

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