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Was gibt es Neues in Hinblick auf die GDD?

VISIONupdate sprach mit der Radiologin Dr. Ingrid Böhm, die seit 2014 das Projekt Arzneimittelsicherheit von Kontrastmitteln am Inselspital in Bern leitet.

VISIONupdate: Gibt es überhaupt eine Gadolinium Deposition Disease?

Dr. Ingrid Böhm: An dieser zentralen Frage scheiden sich zurzeit die radiologischen Geister. Während ein Großteil der Radiologen davon überzeugt ist, dass Ablagerungen von Gadolinium im Organismus keinerlei Symptome induzieren, gibt es auch solche, die die gegenteilige Meinung vertreten. Zur Verdeutlichung des pathologischen Geschehens können wir uns eine dreiteilige Pyramide vorstellen, die aus der Basis, einem mittleren Teil und der Spitze besteht. Alle Patienten mit symptomlosen Ablagerungen – auch als ‚Gadolinium Storage Condition‘ bezeichnet – stellen die Basis dar und alle Patienten mit einer nephrogenen systemischen Fibrose (NSF) bilden die Spitze der imaginären Pyramide. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass auf eine Gadolinium-Ablagerung direkt die NSF folgt? Die Logik dahinter erschließt sich mir nicht, da der Übergang von einem Zustand ohne Krankheitssymptome zu einer sehr schweren Erkrankung zu abrupt ist. Es muss eine Art Zwischenform mit eher milden Symptomen geben.

Fehlt noch der mittlere Anteil der Pyramide, auf der sich Patienten, mit der von Semelka vorgeschlagenen Gadolinium Deposition Disease, kurz GDD, befinden. Ein Problem der GDD ist allerdings, dass die meisten Patienten nur subjektive Symptome haben bzw. hatten. Das ist gerade für Radiologen, die auf ein bildlich fassbares, morphologisches Korrelat trainiert sind, ein Problem. Vermutlich lehnen deshalb viele Radiologen das Konzept einer GDD ab. Zusätzlich zur Gadolinium Deposition Disease scheint die Gadolinium-Ablagerung für weitere Krankheiten verantwortlich zu sein, wie beispielsweise Gadolinium-assoziierte Plaques der Haut oder die Fibromyalgie. 

Gibt es einen Erkenntnisfortschritt, wie die Kontrastmittelgabe, die Ablagerungen und die sehr unterschiedlichen medizinischen Probleme, die danach auftreten, zusammenhängen könnten?

Die pathologischen Mechanismen, die zu Ablagerungen, gefolgt von einer GDD oder gar NSF führen, sind nach wie vor unklar. Anhand von in vitro-Experimenten wissen wir, dass gadoliniumhaltige Kontrastmittel zytotoxisch sind und Einfluss auf die Mitochondrien und die Lebensfähigkeit von kultivierten Zellen haben. Außerdem gibt es inzwischen Hinweise dafür, dass Gadolinium brennende Schmerzen in Armen und Beinen zu verursachen scheint. Das zugrundeliegende Krankheitsbild bezeichnet man als ‚Small fiber neuropathy‘.

Wie viele Fälle sind in der EU insgesamt erfasst?

Das ist eine sehr spannende Frage. Wenn wir uns in der Medizin mit einem Krankheitsbild beschäftigen, dann möchten wir zunächst wissen, wie häufig dieses vorkommt. Dazu bedarf es systematischer Studien, die es meines Wissens nach bislang nicht gibt. Soweit mir bekannt ist, arbeitet die Gruppe um Semelka an einer solchen Studie. 

Die EU hat die Zulassung für lineare Kontrastmittel eingeschränkt/ausgesetzt. Treten damit weniger Fälle von GDD auf?

Die Beantwortung dieser Frage steht mit der vorherigen im engen Zusammenhang. Da wir weder Ausgangsdaten haben, noch die Effekte der Zulassungsbeschränkung durch die EMA (European Medicines Agency) auf die Häufigkeit der GDD untersucht wurden, gibt es als Antwort leider nur ein großes Fragezeichen. 

Gibt es Anzeichen bei Patienten, die daraufhin deuten, dass sie mit Problemen reagieren werden?

Anhand der bisherigen sehr spärlichen Daten und Erfahrungen zeigt sich, dass vor allen Dingen Frauen betroffen sind. Weitere Risikofaktoren kennen wir leider noch nicht.

Die deutsche Röntgengesellschaft hat eine Stellungnahme zu den Nebenwirkungen bei GDD herausgegeben: https://www.drg.de/de-DE/6041/gadolinium/ Werden sich aus den Resultaten mehr Einsichten ergeben?

Die mit Vertretern der Patientenselbsthilfegruppe getroffene Vereinbarung sieht vor, dass GDD-Fälle dem BfArM gemeldet werden sollen. Das ist der erste Schritt zur systematischen Erfassung und damit auch eine gute Grundlage für ein besseres Verständnis der GDD. Denn nur, wenn GDD-Fälle registriert und dokumentiert werden, sind anschließend eine Analyse und valide Aussagen zum Krankheitsbild möglich. Daher bin ich sehr gespannt, was die Daten zukünftig zeigen werden.  

Im Profil

Dr. Ingrid Böhm wurde in Bonn geboren und studierte dort Medizin. Seit 2014 leitet sie das Projekt Arzneimittelsicherheit von Kontrastmitteln am Inselspital in Bern. Seit mehr als 15 Jahren erforscht sie die zellulären und molekularen Mechanismen von Kontrastmittel-induzierten Überempfindlichkeitsreaktionen. Die Expertise auf diesem Gebiet zeigen u. a. zahlreiche Publikationen in einschlägigen Fachjournalen. Insbesondere das individuelle Management von Patienten mit Kontrastmittel-induzierten Reaktionen inkl. die Vermeidung des auslösenden Kontrastmittels geht auf ihre Initiative zurück. 

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