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Wenn die Technik hinterherhinkt

Die in Deutschland eingeführte Telematikinfrastruktur hat Potenzial, hakt aber in der Umsetzung.

Maik FuhrmannAm 1. Juli 2017 ist die Implementierung der Telematikinfrastruktur im deutschen Gesundheitswesen offiziell gestartet. Statt neuer Technik und Strukturen herrscht jedoch vor allem eines vor, große Unklarheit. VISIONupdate hat mit Maik Fuhrmann, Consultant bei der bender gruppe, über die Probleme bei der Einführung aber auch über die Chancen des Systems gesprochen.

Herr Fuhrmann, welche Ziele sollen mit der Einführung der Telematikinfrastruktur in Deutschland erreicht werden?
Das grundsätzliche Ziel ist die Verbesserung der Kommunikation aller Akteure im Gesundheitswesen. Ob Arzt, Psychotherapeut, Apotheker oder Zahnarzt, alle Beteiligten sollen vom systematischen, medizinischen Datenaustausch profitieren. Das zentrale Instrument dafür ist die Krankenversicherungskarte. Noch sind auf dieser jedoch lediglich Patientenstammdaten verfügbar, weitere Funktionen sind erst in Planung.

Welche Mehrwerte könnte das System liefern?
Die reine Adressdatenspeicherung verschafft Ärzten zunächst keinen Vorteil, das Speichern von Notfalldaten, das eRezept, die elektronische Patientenakte oder ein elektronisches Patientenfach könnten jedoch künftig nicht nur die Arbeit erleichtern, sondern auch Leben retten. Denn in Notfallsituationen hält die Versichertenkarte dann essenzielle Informationen über zum Beispiel Dauermedikationen vor, die einsehbar sind, auch wenn der Patient nicht ansprechbar ist. Auch außerhalb von Notfallsituationen könnten derart gespeicherte Datensätze Transparenz in Bezug auf die Patienten-Medikation schaffen. Ein weiterer Vorteil wäre die vereinfachte Datenübermittlung zwischen Ärzten, wovon auch Radiologen profitieren würden. Ein Kreatinin-Wert für eine CT-Untersuchung beispielsweise müsste dann nicht mehr übermittelt werden, sondern läge zentral gespeichert in der Patientenakte vor. Auch relevante Vorbefunde oder Voraufnahmen können dort hinterlegt werden.

Alle diese Funktionen sind noch Zukunftsmusik?
Ja und das bedeutet, dass alle Stärken des Systems erst später zum Tragen kommen. Der Anreiz, Teil dieser Infrastruktur zu werden, die sprichwörtlich lockende Mohrrübe, hängt im Augenblick noch außer Reichweite. Insbesondere, da die Angaben zum geplanten Einsatzzeitpunkt und die genauen Strukturen unbestimmt formuliert wurden und niemandem so recht klar ist, wie das Ganze funktionieren soll. Das sogenannte elektronische Patientenfach beispielsweise soll zwar zum Einsatz kommen, seine Arbeitsweise ist jedoch nicht definiert. Es bleibt unklar, ob in diesem Zuge die Versichertenkarte wie eine Art USB-Stick funktioniert, wie viel Speicherplatz insgesamt zur Verfügung steht, oder ob stattdessen von einem zentralen Speicherort Gebrauch gemacht wird. Auch beim Datenschutz fehlen noch klare Regelungen. Muss jeder Patient der zentralen Speicherung seiner Daten explizit zustimmen? Oder ist die Nutzung der Karte bereits als Einverständnisklärung zu werten? Wie ist im weiteren Verlauf der einzelne Datenaufruf geregelt?

Besteht diese Problematik auch in anderen europäischen Ländern?
Nicht in diesem Maße. Deutschland hinkt in dieser Thematik dank seiner starken Regionalisierung anderen europäischen Ländern hinterher. In Skandinavien ist schon lange eine zentrale elektronische Patientenakte im Einsatz, auf die Beteiligte nach Autorisierung des Patienten bei Bedarf Zugriff haben. So sieht auch meine Zukunftsvision für die Telematik im deutschen Gesundheitswesen aus.

Wie hoch ist der Beratungsbedarf der Ärzte in diesem Zusammenhang?
Momentan ist dieser noch gering, da die Informationen zur praktischen Umsetzung fehlen. Obwohl die technischen Anforderungen im Detail nachzulesen sind, zeigt sich bei der benötigten Hard- und Software ein ganz anderes Bild. Es fehlen Angebote sowohl seitens der Systemanbieter als auch der Industrie. Wer seine Praxis telematikgerecht umrüsten möchte, benötigt ein Modul zur Anbindung an die Telematikinfrastruktur in der eigenen Software, aber auch die notwendigen zertifizierten Komponenten wie einen Konnektor, Kartenterminals, Praxisausweise sowie VPN-Zugangsdienste. Auf beiden Gebieten gibt es Schwierigkeiten. Laut der zuständigen gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH) gibt es aktuell keine zertifizierten Produkte für die Umrüstung, frühestens ab Herbst 2017 stehen diese zur Verfügung. Und auch bei den Systemhäusern sind die entsprechenden Updates häufig noch nicht verfügbar. Die Kassenärztlichen Vereinigungen raten deshalb zur Geduld.

Der Zeitrahmen für die technische Umsetzung ist sehr straff, führt das nicht zu Problemen?
Ja, denn jeder Akteur im Gesundheitswesens, der ab 1. Januar 2019* nicht an die Telematikinfrastruktur angeschlossen ist, muss nach aktueller Gesetzeslage so lange einen 1-prozentigen Abschlag auf sein Honorar bezahlen, bis er nachweisbar Teil der Struktur geworden ist. Die kassenärztlichen Vereinigungen haben sich deshalb für eine Verlängerung der Frist eingesetzt, die allerdings immer noch knapp bemessen ist. Denn zeitliche Probleme gibt es nicht nur bei der Technik, sie werden auch bei den Erstattungspauschalen auftreten. Nicht nur sinken die verfügbaren Beträge von Quartal zu Quartal – unabhängig davon, ob die entsprechende Infrastruktur überhaupt beschafft werden kann. Ein großes Problem ist auch, dass Erstattungsanträge erst nach Inbetriebnahme der Telematikinfrastruktur geltend gemacht werden können. Der Kauf von entsprechenden Geräten reicht also nicht aus, es muss ein vollfunktionsfähiges System im Einsatz sein, bevor die Erstattung beantragt werden kann. Die Chance, dass dieser Obolus die entstehenden Kosten auch nur annähernd decken kann, sinkt also mit jedem Quartal, in dem weder Produkte noch Software-Updates zur Verfügung stehen. Eins ist somit sicher, die Umsetzung und der Beratungsbedarf in Bezug auf die Telematikinfrastruktur werden uns noch eine Weile beschäftigen.

Vielen Dank für das Gespräch.

*Die Frist für die Anbindung von Arzt-, Psychotherapeutenpraxen und Krankenhäusern an die Telematikinfrastruktur verlängert sich laut Bundesgesundheitsministerium um ein halbes Jahr vom 30. Juni 2018 auf den 31. Dezember 2018. Die Fristverlängerung betrifft auch den Rollout der elektronischen Gesundheitskarte und den Start des Versichertenstammdatenmanagements.

Mitteilung des Bundesgesundheitsministeriums vom 15. Juli 2017

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